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Menorah · 1926-10-01 · Inhalt · p. Seite 552

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
4 (1926)
Issue
Inhalt
Article
Der böse Blick
Date
1926-10-01
Page
Seite 552 (sequence 2)
Language
German
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552 MENORAH verzärtelten Frau (Deut. 15, 9; 28, 54. 56). An diesen Stellen ist unter dem bösen Auge die Eigenschaft eines Menschen zu verstehen, der von seinem Gute einem anderen nicht spenden will. Auch wenn die heilige Schrift sagt: „Iß nicht das Brot des Bösäugigen und gelüste nicht nach seinen Leckerbissen" (Prov 23,6), ist offenbar von einem Geizhals die Rede, der nicht gerne gibt, denn vorher heißt es ja im Gegenteil vom Gutäugigen, daß er gesegnet sei, weil er von seinem Brote dem Armen gibt (2, 24). Der nach Vermögen gierige Mann mit bösem Auge (Prov 28, 22) ist der Geizige, von dem — wie Abraham ibn Ezra bemerkt — die heilige Schrift sagt, er wolle seinem dürftigen Bruder nicht helfen. So lehrt auch Ben Sira: ,,Das böse Auge bringt schnell Sünde über die Mahlzeit, das gute Auge vermehrt die Mahlzeit", und: „Ein Habgieriger ist neidisch nach Brot". Und in einem Purimliede wird empfohlen, sogar am Purim lieber den Durst mit Wasser zu stillen, als den Wein des Bösäugigen zu trinken1). Vom König Saul wird gesagt (1 Sam 18, 9), er habe sein Auge auf David geworfen, aber im vorhergehenden Verse ist schon angegeben, was darunter zu verstehen sei: Er beneidete David, weil man ihn nur Tausende, David hingegen Zehntausende besiegen ließ. Mancher — sagt Nietzsche —, der das Hohe an den Menschen nicht sehen kann, nennt es Tugend, daß er ihr Niedriges allzunahe sieht: also heißt er seinen bösen Blick Tugend2). Ob „önen", „meonen", der Zauberer (Lev 19,26Deut. 18,10-14;2Kö21,6 Jes.2,6usw.) auch mit dem bösen Blick etwas gemein hat, darüber äußern sich die alten Exegeten nicht. Aber die alten Bibelübersetzer kennen schon ein behexendes Auge. So übersetzt die Septuaginta an einer Stelle: „Dein Auge wird böse sein", aber an der anderen: „Er wird ihn (sie) mit seinem Auge behexen, beschädigen". Noch ein Ausdruck für einen ungewöhnlichen Blick findet sich in der heiligen Schrift (Jes. 3, 16), der aber, obwohl bisher noch unerklärt, weder Neid noch schädlichen Blick, sondern eine unsittliche Wirkung der Augen bedeutet3). Das böse Auge in der Bedeutung von Neid wird auch im neuen Testament erwähnt. Nur einmal fragt Paulus die Galater, wer sie fasziniert habe, da sie der Wahrheit nicht gehorchen, aber dies beweist noch nicht, daß das neue Testament den bösen Blick in unserem Sinne kannte'1). Anders verhält es sich in der nachbiblischen Literatur. Da wird mit dem bösen Auge oder einfach dem „Auge" sowohl der neidische wie der Schaden bringende Blick gemeint. Man hat aber speziell für den neidischen und mißgünstigen Blick den Ausdruck: enges Auge", so wie wir vom engen Herzen sprechen. Im Traktat Aboth wird das böse Auge öfters erwähnt, doch immer nur im Sinne von Neid und Unersättlichkeit. R. Eliezer hält das böse Auge für eine Eigenschaft, von der es ratsam ist sich fernzuhalten, aber R. Josua sieht darin einen so folgenschweren Fehler, daß er das Dies- und Jenseits verwirke. Was ist unter dem bösen Auge zu verstehen? Wie der Mensch seine eigene Familie betrachtet, so betrachte er auch die seines Nächsten, und wie man seine Frau und Kinder vor jedem schlechten Rufe hütet, so verhalte man sich auch anderen Leuten gegenüber. Es kann aber auch mit dem Ausdruck böses Auge auch die Engherzigkeit bezeichnet sein, daß man

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