Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 4 (1926)
- Issue
- Heft 9 (September 1926)
- Article
- Urkunden und Akten zur Geschichte der Juden in Eisenstadt [...] [Rezension]
- Date
- 1926-09-01
- Page
- Seite 540 (sequence 4)
- Language
- German
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540 MENORAH festzuhalten. Das moderne Leben hat schon zu viele Verbindungen mit der Vergangenheit vernichtet und so viele Menschen entwurzelt. Hüten wir uns darum dort, wo die Tradition noch unversehrt erhalten ist, die Axt an die Wurzel von Glück und Zufriedenheit zu legen. Es wäre zu traurig, wenn es nicht gelingen würde, unsere jüdische Kullusgemeinde Eisenstadt zu retten." Dr. A. F ü r s l GR UN WALD, JAHRBUCH FÜR JÜDISCHE VOLKSKUNDE (1924/25). Verlag Benjamin Harz, Berlin. Das vorliegende, weit über 600 Seilen umfassende Jahrbuch reiht sich dem vorjährigen sowohl seinem Inhalt als auch seiner äußeren Ausstattung nach würdig an. Es enthält eine Fülle beachtlichen Stoffes aus dem Gebiete jüdischer Volkskunde, Mitteilungen aus aller und neuer Zeit, die zu tieferem Eindringen in das Gebiet fachwissenschafHieben Studiums anregen. Den Hauplanteil an dem Inhalt hat wie immer der rührige und sachkundige Herausgeber Dr. Grunwald, Wien, geliefert. Dankbar muß man den Fleiß des Mannes anerkennen, der trotz seiner vielseitigen Amtstätigkeit noch immer Zeit findet, sich in so reichem Maße fachwissenschaftlich zu betätigen. Von den sechzehn Teilen der Abhandlungen hat Grunwald allein sechs, mit einem Text von 150 Seiten, geliefert. Da ist es zunächst die ,,Geschichte der Marannen". Zum erstenmal werden hier Urkunden veröffentlicht, die den Inqusitionsprozeß gegen Diego Teixeira und dessen Sohn Diego behandeln. Der ganze Briefwechsel zwischen dem Hamburger Senat, dem Präsidenten der Bürgerschaft und dem Kaiser von Österreich, sowie die eingeholten Rechtsgutachten zeugen von dem Geiste der damaligen Zeit, sobald es sich um Juden und sich ihnen Anschließende handelt. — Mit einer Schilderung des „Lernens" gibt Grunwald einen Ausschnitt aus dem Kulturleben der litauischen Juden. Wir begreifen, daß aus diesem Kulturboden jene jüdischen Geistesheroen hervorgehen konnten, zu denen unsere thorakundige Gegenwart noch heute mit berechtigtem Stolz aufblickt. In den Osten versetzt uns auch Grunwalds Vortrag über den jüdischen Dichter J. L. Perez. Meisterhaft ist das von Grunwald entworfene Bild des Dichters, des Schildcrers des ostjüdischen Volkslebens. Der Herausgeber gibt uns ferner eine Übersicht über den Stand der Frage ,.Rasse, Volk und Nation?" Besonders inleressant ist aber des Herausgebers Darstellung der alten jüdischen Gemeinde Mattersdorf. Diese eine der alten ehrwürdigen Gemeinden, erfährt hier zum erstenmal eine Darstellung, die vom Anfang bis zum Ende den Leser fesselt. In dieser Zusammenfassung werlvollen Materials, das sich über Topographie, Gemeindeverwaltung, weltliche und geistliche Führer, Sitten und Gebräuche, Lieder und Redensarten, Urkunden und Grabsteininschriften erstreckt, hat Grunwald einen hervorragenden, nachahmenswerten Beitrag zur Geschichte der jüdischen Gemeinden geliefert. Der Hinweis im „Hamburger Familienblair' darauf, daß er den Gegenstand schon früher behandelt habe, ist unzutreffend, da das Jahrbuch längst fertig vorlag, bevor jene winzige Skizze erschienen war, — Wiesner behandelt in Anlehnung an die Frage, ob Kinderlosigkeit als Strafe Gottes anzusehen sei, wie der Talmud über Kindersegen (Kinderreichtum) und Kinderlosigkeit denkt. Dasselbe gilt auch für Wiesners zweite Arbeil: „Wertung der Geschlechter im rabbinischen Schrifttum."— Papo zieht die sexuelle Ethik im Koran in Vergleich zur jüdischtahmidischen Auffassung. Die fleißige Arbeit legt beredtes Zeugnis ab von der Bclesenheit und dem Wissen des Verfassers. — Marmorstein setzt seine Beiträge zur Religionsgeschichle und Volkskunde und Goldschmidt seine Zeenah-Übersctzung fort. Zusammenfassend sei gesagt, daß dieses übrigens prächtig illustrierte Jahrbuch inhaltlich weit über den Rahmen derartiger Jahrbücher hinausgeht. Die Vielseitigkeit des behandelten Stoffes und die Gründlichkeil, mit welcher alles bearbeitet ist, machen das Buch zu einer wertvollen Bereicherung unserer Literatur und wrecken ein Interesse für jüdische Volkskunde. B.