Mannheim
Compact Memory

Menorah · 1926-09-01 · Heft 9 (September 1926) · p. Seite 536

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
4 (1926)
Issue
Heft 9 (September 1926)
Article
Zangwill
Date
1926-09-01
Page
Seite 536 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2912821-2912853-2912862-2918173--03756-2918289
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

MENORAH Z ANGWILL Eine Studie von Siegfried S chtnit z Von dem Schriftsteller Israel Z a n gw i 1 1, der vor wenigen Wochen in London gestorben isl, bleibt — was bleibt eigentlich? D,ie Erinnerung an einige köstliche Szenen in einem Roman ,,D e r K ö n i g d e r S c h n o rr e r", in denen clw.as wie ein galliger Schale m - A1 e j ch cm - H u m o r a u f 1 eu c h t e t. Ein Bild des Baal-Schern, in weichen liebenden Farben in seinem Buch ,,T rä u m <t r des G h e l t o." Und sonst — dieses Kind des Londoner Ghettos hat jüdische G h e t t og e s c h i c h l e n geschrieben, besser als die, welche eine Generation vorher in Deutschland entstanden (weil die Zangwills freier waren), weil ärmer als die Schilderungen eines Mcndele, eines Scholeni-Alejchcm (denn sie waren viel mehr distanziert als die der osljiidischen Ghettodichter); vielleicht könnte man Zangwill einen Percz mit Londoner Wellblick nennen. Auch er war ein Romantiker des Ghetto, der ewig unzufrieden war; daher vielleicht auch die Bitterkeil, die an manchen Stellen seiner Geschichten und Romane so unvermittelt in die behagliche Schilderung einbricht. Aber Romantik ist nicht von Dauer. Der Schriftsteller Zangwill hat auch Dramen geschrieben. Sie haben einen merkwürdig undramatischen Stich ins Genre des Familienhildes, von jenem durch sein Thema der amerikanischen Rassenmischung berühmt gewordenen,,S c h m e 1 z t i e g c 1" bis zu dem letzten Stück ,,W e m o d e r n s", das wieder ein soziales Problem in die Familienperspcklive rückt. Aber — die Familie ist nichts Bleibendes, das Bleibende ist die Menschheit; und Zangwills Dramen sind schon heute vergessen, selbst wenn sich der Kontinent erst ihrer erinnert. Nicht einmal in die Literaturgeschichte werden jene ganz ausgezeichneten politischen Tagesglossen eingehen, die Zangwill in Londoner Blättern schrieb; dort sind über englische Politik, englisches Gesellschaftsleben, englische soziale Probleme wahre Kern spräche niedergelegt, weit treffender (weil weniger prätentiös) als elwa die politischen Glossen Shaws. Aber von beiden bleibt nichts; denn.Politik hat Wirkung, nur wenn sie gemacht, nicht glossiert wird. Ein merkwürdiger Fall: dieser Mann mit dem Nimbus des erfolgreichen Schriftstellers kehrte immer wieder zu den kleinen politischen Tagcsglossen zurück (er schrieb sie auch noch in den letzten Lebensjahren); seinem scharfen Geist — der aus den klugen Augen eines anziehend häßlichen Kopfes blickte — konnte nicht entgangen sein, wie müßig und unproduktiv diese Glossenschrciberei ist. Was mochte ihn daran gefesselt haben? Die Illusion der Macht. Sie ist eine starke Triebkraft in allen Menschen, die dem Zauber der Gesetze von der mechanischen Entwicklung erliegen. Sie träumen Seele und denken Physik. Zangwill war einer von ihnen. Es war ein reiner Zufall, daß er durch seine Gbcttoträumercien berühmt wurde; sein Wünschen und Wollen zielte in ganz andere Richtung. Sproß einer unterdrückten Schicht, glaubte er, von den kaum kennengelernten Gesetzen der mechanischen Entwicklung gefangen genommen, durch die Kraft eines unermüdlichen Geistes eine Art von sozialer M e c h a n i k zur Erlangung ewiger menschlicher Freiheit schaffen zu können. Aus diesem Geiste schafft einer die materialistische Geschichtsauffassung, kämpft ein anderer für den Posilivismus und ein dritter schreibt politische Glossen mit dem Glauben an Wirkung. Diese Idee einer sozialen Mechanik bestimmte Zangwills Verhältnis zum Judentum und zur zionistischen Bewegung, der sich der 84jährige gleich nach dem Auftreten Theodor Herzls mit Haut und Haaren verschrieb. Der letzte Ausdruck ist mit Absicht angewendet, um gleich vorwegzunehmen, daß Zangwill, der die Jewish Territorial Organisation (kurzweg Ito benannt) begründete, um für die Juden außerhalb Palästinas eine Heimstätte zu gründen, der jahrelang in scharfem Gegensatz zum paläslinozenlrischen Zionismus stand, dem Gednnken des Zionismus stets treu geblieben ist bis zum letzten Atemzug. Seinem Zionismus, dem sozial-mechanisti-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.