Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 4 (1926)
- Issue
- Heft 9 (September 1926)
- Article
- Achad-Haam
- Date
- 1926-09-01
- Page
- Seite 535 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2912821-2912853-2912862-2918171--03752-2918288- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
ACHAD-HAAM vertritt nun eine ganz andere Richtung. Nicht um den Kampf der Einzel Organismen, der einzelnen Klassen, um materielle Güter, nicht darum handelt es sich ihm, sondern um den Kampf von Idee n. Er sagt, der Prophet ist ein Mann, der im Banne einer großen Idee auftritt, ebenso wie ein Körper, auf den eine Kraft wirkt. Der Prophet ist ein einseitiger Mensch, er kennt nur seine Gedanken, lebt nur für seine Idee und fällt mit ihr. Da aber auch gleichzeitig andere Männer ihre Ideen verfechten, so bewegt sich die Geschichte der Menschheit weder in der Richtung der einen, noch in der der anderen, das Resultat ist ein Mittelweg. Achad-Haam stellt sich also die ganze Kulturgeschichte der Menschheit als Produkt eines fortwährenden Kampfes der Ideen untereinander vor, die von großen Männern, von Propheten, vertreten werden: Der Mann, der im Namen seiner Idee auftritt, ist der Prophet, jener Mann, welcher auch für die Ideen a n d e r e r Verständnis hat und die Menschheit auf den Mittelweg leitet, dieser ist der Priester. Die Geschichte entwickelt sich nicht von unten nach aufwärts, sondern umgekehrt; sie wird von großen Ideen gelragen und diese erzeugen als Resultante unsere Kultur. — — — — Die Geschichte ist nicht das Resultat materielle r Kämpfe einzelner Gruppen, sondern das Resultat aus dem Kampfe großer Persönlichkeiten und großer Ideen, oder aus dem Ringen von Volksindividuen. Welchen Platz weist nun Achad-Haam dem jüdischen Volke zu? Die modernen Philosophen K a n t und Le i b n i z haben von zwei Reichen gesprochen. Sie sagen, jeder Mensch ist Bürger zweier Reiche, das eine ist das Reich der Ursachen, das andere das der Zwecke. Das erste ist das Reich der wirksamen mechanischen Kräfte, das zweite das Reich der Zwecke, oder wie es modern heißt, das Reich der Werte, daß nämlich jeder Mensch aus freien Stücken sich selbst zu bilden vermag, daß ein Mensch eine Idee als richtig empfindet, sich dieser unterwirft, dieses Reich ist nach Kant das einzig menschliche. Nun sagt Achad-Haam, das eigentümliche Achad-Haam (Uscher Gpnzherg) des jüdischen Volkes bestehe darin, daß sein ganzes geistiges Leben auf das Reich der Zwecke gerichtet sei. Das jüdische Volk isl kein theoretisches, sondern ein praktisches Volk, praktisch nicht im landläufigen Sinne, sondern im Sinne Kants. Die Juden sind ,,Sollmenschen", das Judentum hat sich immer Ideen, die es sich gesetzt, Zwecken, die es sich gesteckt hat, ganz und gar unterworfen. Das griechische Volk ist mehr theoretisch; es betrachtet das Dasein, es forscht nach den Ursachen der Dinge, der Jude hingegen kümmert sich um die Ursachen nicht, ihn kümmern die großen Zwecke, die er sich gesetzt, ihn beherrscht mehr das ..Sollen", als das .,Verstehenwollen'\ Dieses innere Wesen ist von keinem so klar und mit so gewichtigem Palhos formuliert worden, als eben von den Propheten, und darin liegt nach der Ansicht Achad-Haams die Essenz des Judentums. — — — — — —