Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 4 (1926)
- Issue
- Heft 9 (September 1926)
- Article
- Achad-Haam
- Date
- 1926-09-01
- Page
- Seite 534 (sequence 1)
- Language
- German
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534 MENORAH Achad-Haam Zum 70. Geburtstag Aus Anlaß der VPi'ederkehr des siebzigsten Geburtstages Achad-Haams (Uscher Ginzbergs) des bekannten hebräischen Schriftstellers und Philosophen publizieren wir nachstehend einige Abschnitte eines unverändert aktuell gebliebenen Aufsatzes des vor wenigen Trfonaten verstorbenen hongenialen Literaten S alomon S chiller*J. Die Red. Achad-Haam als praktischer Mensch ist Kritiker, aber nicht Nörgler; seine Kritik gehört jener höheren Sphäre an, welche schöpferisch ist. Er vereinigt in sich, um es in einem Satze zu formulieren, die Vornehmheit eines modernen Gentleman und das Pathos eines Propheten, er ist durchdrungen vom Modernen in der Gesittung und der bodenständigen Gabe des Urjudentums, der Prophetie. Und diese beiden Elemente, dieses Weltmännische und dieses prophetische Pathos verleihen seinen Aufsätzen einen ungemein großen Reiz. Mit einer sonderbaren, feinfühligen, psychischen Begabung ausgestattet, besitzt er einen feinen Spürsinn für alles Faule im Judentum, für alles Aufgedunsene und Aufdringliche; er sucht immer den äußeren, alles verdeckenden Firnis herunterzukratzen und darunter die Fratze nachzuweisen. In erster Linie ist Achad-Haam ein Mann von fanatischer Wahrheitsliebe, ein Mann, welcher rücksichtslos auf die Konsequenzen der von ihm gefundenen Wahrheiten eingeht. Der Satz „der Zweck heiligt die Mittel", ein Satz, welcher von den Jesuiten stammt, findet bei Achad-Haam keine Anwendung. Für den guten Zweck sucht er die edelsten Mittel, vor allem die Wahrheitsliebe. In dieser Hinsicht ist er wieder ein Enkel der Propheten. — — — — — — — Welches ist nun sein Ideal? Eine große Reihe von jüdischen Persönlichkeiten hat seit jeher das Bedürfnis empfunden, das europäische Gedankenleben und das jüdische Denken zu einer *) S. „Heimkehr". Essays jüdischer Denker. Herausgegeben vom jüd.-akad. Verein „Emunah", Czernowitx. Verlag Louis Lamm. Berlin 1912. Verschmelzung zu bringen. Der jüdische Philosoph Philo, ein Zeitgenosse Christi, sucht das Judentum mit der platonischen Lehre in Einklang zu bringen, Ibn G a b i r o 1 sieht die jüdische Lehre im neuplatonischen Lichte, Maimonidcs wieder paßt die jüdische Lehre der aristotelischen Denkweise an, und noch im 19. Jahrhundert will Nachman Kroch mal das Judentum mit den Ideen der spekulativen Philosophie, den Hegeischen Ideen in Einklang bringen. Auch H e ß, der Schöpfer des zionistischen Gedankens, suchte das zeitgenössische Denken mit dem Judentum zu verschmelzen. Achad-Haam ist nun ein Epigone dieser großen Geschlechter, ein Mann, welcher nicht im Zeilgenössischen lebt, sondern alles sub specie acternitatis betrachtet. Ebenso wie die früher erwähnten Männer die jeweilig herrschenden philosophischen Ideen mit dem Judentum in Einklang bringen wollten, sucht Achad-Haam das Judentum mit dem Ideengang in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, mit dem Darwinismus, zu verschmelzen. Ein großer Unterschied besteht aber in der Art und Weise, wie es Achad-Haam und wie es die anderen tuen. Wenn beispielsweise Maimonides den Aristoteles aus der Bibel herausgelesen hatte, hatte er die Bibel ganz in aristotelischem Sinne umgedeutet. Soviel historischen Sinn besaß jedoch Achad-Haam, um zur Überzeugung gelangen zu können, daß in die Bibel keine zeitgenössische Philosophie hineingedeutet werden könne. Er versuchte nicht Moses durch Darwin zu ersetzen, sondern suchte vielmehr das Judentum im Sinne des Darwinismus, d. h. im Sinne der Entwicklungsideen, der Evolution, zu erklären. — — — Die darwinistische Theorie wurde von vielen Denkern auch auf das soziale Leben, auf das Leben der Gesellschaft, auf das Leben der Nationen und Klassen angewendet. So im 19. Jahrhundert von Karl Marx in seinem Ausspruche: „Der Kampf der Klassen, nicht der Einzelpersonen schafft wirkliche Kultur, also die Geschichte ist nichts anderes als Klassengeschichte." Achad-Haam