Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 4 (1926)
- Issue
- Heft 9 (September 1926)
- Article
- Gespräche über Kunst, Judentum und Judenstaat
- Date
- 1926-09-01
- Page
- Seite 530 (sequence 2)
- Language
- German
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530 MENORAH sichtspunkt aus möchten Sie, daß alle möglichen Menschen Ihnen helfen sollen, die Idee zu popularisieren." Ich: „Ja, ich bin Revisionist. Aber ich bin es, weil ich Judenstaailer bin und nicht aus Revisionismus heraus forclere ich den Slaatsgedanken. Für mich ist der Zionismus, ist die Rückkehr der Juden nach Palästina ein ungeheueres, mystisches Geschehen, das ohne Wirken göttlichen Willens nicht hunderttausend Menschen in sieben Jahren in dieses arme, verlassene, steinige, heiße, feindliche Land hätte werfen können. Aber — hat die Rückkehr der Juden überhaupt einen Sinn, dann kann sie nur den haben, den Sie anno Esra und Nehemia gehabt hatte: Aufbau eines neuen jüdischen Staatswesens — wobei wir vorläufig nicht darüber sprechen wollen, welche Form nach innen hin dieses Staatswesen haben wird." Der Maler: „Was hat aber dabei die Malerei zu tun?" Ich: Sehen Sie denn nicht, daß zwar wir Juden ein neues Gemeinwesen aufbauen wollen, daß andere uns dabei hindern — aktiv oder passiv Resistenz leisten? Sehen Sie denn nicht, daß wir Juden, die den Judenstaat wollen, in einem Kampf auf Tod und Leben begrifTen sind, einem Kampf gegen eine Welt von Feinden oder Verständnislosen und Sie fragen, was soll dabei die Kunst? Ermutigen soll sie, ermuntern, den Weg weisen nach vorwärts — zum Ziel hin! Wenn Sie nicht ver stehen, was es heißt, ,den Judenstaat malen', dann sage ich: Malen Sie die jüdische Marseillaise!" Der Maler: „Schön — nur steht das, was Sie sagen, in so krassem Gegensalz zu allem, was die moderne Welt als Kunst ansieht, daß es mir leid tut, daß Sie, den ich bisher immer für einen künstlerisch empfindenden Menschen gehalten habe, so sprechen können. Man malt doch, was man fühlt, nicht was man denkt." Ich: „Berufen Sie sich lieber nicht auf die Autorität der modernen Kunst — wobei Sie an gewisse Expressionisten denken — während zur Stunde, da wir sprechen, diese moderne Kunst in Europa schon sang- und klanglos begraben wird. — Wissen Sie, wann ein Roman gut ist?" Der Maler: „Ich weiß nicht, wie Sie diese Frage verstehen." Ich: „Einen guten Roman erkennen Sic daran, daß Sie ihn in der Mitte aufschlagen können und daß stets der Absatz, den zu lesen Sie anfangen, interessant ist, Sie zum Weiterlesen verlockt. Ein gutes Drama ist ein solches, das Sie fesselt, wenn Sie im drillen Akt ins Theater geraten. Von guten Skulpturen muß jeder Torso schön sein; von einem Bild dürfen Sie sagen, es sei gut, wenn Sie drei Viertel davon verdecken und das letzte Viertel noch immer als Bild wirkt — wie die Natur selbst ja auch in jedem Ausschnitt immer schön bleibt. Nehmen Sic einen alten Meister und decken Sie alles zu bis auf ein Slückchen Himmel — auch das ist noch gemalt', wirkt noch bildhaft. Nehmen Sie einen Modernen und verdecken Sie nur die Hälfte: die Fratze unserer kranken Zeit starrt uns aus dem Rest entgegen. Und wissen Sic, warum? Weil gerade diese Bilder gedacht und nicht geschaut, nicht gefühlt sind. Gerade diesen Bildern können Sie das vorwerfen, was Sie mir einwenden." Der Maler: „Ich wende Ihnen nichts anderes ein, als daß Sie alle Kunst zum Diener einer einzigen Idee — des Judenstaates — erniedrigen wollen. Denn was Sie von der Malerei verlangen, verlangen Sie ja auch von den anderen Künsten, nicht wahr?" Ich: „Ganz richtig. Bei unserem letzten Gespräch gingen wir ja doch davon aus, daß Sie darüber klagten, daß man in Palästina so wenig Bilder kaufe und daß auch die Juden im Ausland sich nicht für die palästinensische Malerei interessieren. Ja, glauben Sie denn, lieber Freund, daß es bei den Dichtern etwa anders ist? Glauben Sie denn, daß man hebräische Gedichte liest oder hebräische Bücher so weit kauft, daß die Dichter davon leben können? Und wissen Sie, wie das zu erklären ist?"