Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 4 (1926)
- Issue
- Heft 9 (September 1926)
- Article
- Vom neuen Geist der jüdischen Baukunst
- Date
- 1926-09-01
- Page
- Seite 520 (sequence 2)
- Language
- German
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520 MENORAH daß ihn die erdrückende Mehrheit der Betrachter sofort als etwas vollkommen Jüdisches empfinden wird. Warum? Nun zunächst weil er einem jüdischen Zwecke dient, ferner weil er diesem Zweck die angemessene Form, den angemessenen Schmuck, kurzum die Gestalt der Kunst verleiht und letzten Endes weil er die jüdische Seele in die Stimmung religiöser Feierlichkeit erhebt. Diese geschlossene Kette von Eindrücken ist ein in weitesten Kreisen anerkannter innerer Tatbestand, man wird ihn nicht einfach ableugnen, aber mit einigen nicht unwichtigen Bedenken aus seiner traditionellen Sicherheit bringen können. Schon der erste Punkt hält einer genaueren Prüfung nicht stand: der jüdische Zweck, der jüdische Stoff macht noch nicht das jüdische Kunstwerk, denn Zweck und Stoff sind Gegebenheiten, die der Künstler vorfindet, bevor er auch nur die Hand zum Werk gerührt hat. Nicht jeder Tempel, nicht jede Darstellung nach der Bibel muß jüdisch sein, das hängt von der Art, der Kraft und dem Geist des Gestalters ab. Wir haben erst unlängst Gelegenheit gehabt, den jubilierenden Wiener Stadttempel aus jenem kühlen Allerw eltsgeist herzuleiten, der sich zu jeder Zeit des klassizistischen Mantels bedient hat, um seine innere Unschlüssigkeit, seinen Mangel an Charakter auf vornehme Weise zu verdecken. Wollten wir ein paralleles Beispiel vom Feld der Malerei anführen, wir wüßten kein besseres als die in weiten Kreisen bekannten Bilder des Adriaen van der Werff, besonders seinen „Abschied Abrahams von Hagar", der noch immer in vielen Stuben unseres Mittelstandes en miniature, meist auf sogenanntem Email, zu sehen ist. Denn die Produkte dieses halbschlächtigen Künstlers vom Ende des 17. Jahrhunderts — halb Holländer, halb Römling — kommen aus den Niederungen eines fad-feinen Geschmacks, an dem die satten und die gelehrten Kreise der damaligen ,,guten" Gesellschaft, also weder das Volk noch seine lebendig schaffenden Meister, den gleichen Anteil hatten; ohne persönlichen, nationalen oder gar religiösen Kern, sind sie — trotz der Vorgänge, die sie schildern — alles eher als Wiedergeburten der Judenbibel. Nun könnte man einwenden, der Grund dieses Übels liege darin, daß die beiden Klassizisten, Kornhäusel und Van der Werff, Nichtjuden gewesen seien und Nichtjuden nur in außerordentlichen Fällen die Kraft der vollkommenen Einfühlung in unsere Sinnesart aufbrächlen. Aber dieser Einwand reicht nicht aus. Denn mit der Kunst etwa des Abel Pann, die jetzt seit Jahren schon mit einem gehörigen, fast amerikanischen Aufwand von Reklame und allerhand sonstigem Klimbim auf Reisen ist, um die Leichtgläubigen überall in ihre Netze zu locken,