Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 4 (1926)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1926)
- Article
- Grundlagen jüdischer Wohlfahrtspflege
- Date
- 1926-06-01
- Page
- Seite 366 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Grundlagen jüdischer Wohlfahrtspflege Von Dr. Ernst Simon Hygiene und Wohlfahrtspflege sind enge verschwistert. Die Bekämpfung der Armut wird immer auch eine Bekämpfung der Volkskrankheiten, unhygienischer Verhältnisse, die sie hervorrufen, und seelischer Folgen, die sie begünstigen, mit einschließen müssen. Dies gilt um so mehr, je stärker die gesamte Medizin selber zur Hygiene wird, das heißt, je entschiedener sie sich auf den Weg der Prophylaxe begibt, die lieber e i n Übel verhüten will als hunderte heilen. Dieser Zusammenhang legt eine allgemeine Aufgabe jeder Wohlfahrtspflege dar und laßt durchaus noch keinen gesonderten jüdischen Bezirk hervortreten. Ein solcher wird erst dann sichtbar, wenn wir auf die religiösen Triebkräfte der jüdischen Kultur zurückgehen und zu verdeutlichen suchen, wo und inwieweit diese in die Gestaltung des wirklich gelebtcn Lebens bestimmend eingreifen. Nur dann, aber auch sicher dann wird von einem besonderen Charakter jüdischer Wohlfahrtspflege in Tradition, Gegenwart und Zukunft die Rede sein können. I. 1. Die Lehre von dem einen und einzigen Gott verlangt die denknotwendige Ergänzung, daß vor ihm alle Menschen gleich sind, nicht zwar gleichartig, aber gleichwertig1). Selbst die Auserwähltheit Israels ist nur in dem Sinne gemeint und wird von den Propheten immer wieder dahin interpretiert, daß dieser ,,Erstgeborene Gottes"2) dazu da sei, um das messianische Reich der Völkerverbrüderung herbeizuführen3), das heißt also, um seine Auserwähltheit dadurch zu vollenden, daß er sie auslöscht, indem alle Menschen an ihr teilhaben. Erst dann wird auch Gottes Einheit gleichsam ihr irdisches Gegenbild gefunden haben, erst dann wird nicht nur „Er einer" sein, sondern auch ,,Sein Name einer"4). Die anderen Völker gehören also zur vollendeten Einheit Gottes dazu. Die Frage: „Warum sollen denn die Völker sagen: Wo ist denn ihr Gott?"5) bestimmt (wenn auch zunächst negativ gewendet) mehr als einmal entscheidend der Juden Geschichte und Gebet. 2. So ist Monotheismus nicht schlechthin Gabe, sondern Aufgabe: die Verwirklichung seiner irdischen Konsequenzen steht am Ende der Geschichte, nicht an ihrem Anfang. Der Weg darauf zu muß beherrscht sein von dem systematischen Versuch, die sich tatsächlich in dieser Welt vorfindenden Ungleichheiten für heute in ihrer Wirkung abzuschwächen und für morgen auszugleichen. Zu diesen Ungleichheiten gehören vor allem die nationale und die soziale; der Ausgleich der nationalen erfolgt im prophetischen Messianismus, der Ausgleich der sozialen im biblisch-prophetischen Sozialismus, in der Wohlfahrtspflege. Hier liegt deren religiöse Wurzel und die Quelle ihrer Eigenart im Jüdischen6). ~T~Lev. 19, 18 und Siphra z. St. 2) Ex. 4, 22; Jer. 31, 9. ») Z. B. Jes. 56. *) Sech. 14,9. 5) P&. 79, 10, Ps. 115, 2; vgl. Ex. 32, 12.