Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 4 (1926)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1926)
- Article
- Jüdische Eigenart und moderne Biologie
- Date
- 1926-06-01
- Page
- Seite 352 (sequence 5)
- Language
- German
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352 MENORAH Ausnahme des Scharlach auch bei den sogenannten Kinderkrankheiten (Diphtherie, Keuchhusten, Masern), so muß im Einzelfall erst nachgeprüft werden, ob die jüdische Bevölkerung nicht in besseren sozialen und hygienischen Verhältnissen lebte, ob der Arzt nicht früher und häufiger in Anspruch genommen wurde, was zum Beispiel bei der Diphtherie von ausschlaggebender Bedeutung ist. Den Diabetes, die Zuckerkrankheit hat man lange als eine spezifisch jüdische Krankheit bezeichnet. Die zusammenfassende Statistik spricht von einer solchen Uneinheitlichkeit der Ergebnisse, daß sie wissenschaftlich keine verallgemeinernde Schlüsse erlaubt. Die häufigere Inanspruchnahme des Arztes stellte häufiger den Diabetes fest und das von Juden beliebte Aufsuchen von „Kapazitäten" mußte natürlich deren Statistiken zu Ungunsten der Juden beeinflussen. Ähnliches gilt von der Krebskrankheit, beziehungsweise den Todesfällen an Karzinom und der Arteriosklerose. Dabei muß berücksichtigt werden, daß der Krebs eine Krankheit des höheren Alters ist. Da wir bei Juden einen größeren Prozentsatz von alten Leuten haben, müssen wir also eine erhöhte Zahl von Krebskranken erwarten. Das Lebensalter bedarf bei aller biologischen Statistik der Berücksichtigung. Ein überaus reichliches Material liegt für die Tuberkulose bei den Juden vor, verwertbare Zahlen aus fast allen Teilen der Welt und aus verschiedenen Jahrzehnten. In einem eigenen Beitrag des Verfassers konnten die Schlüsse gezogen werden, daß unter gleichen äußeren Verhältnissen die Sterblichkeit der Juden an Tuberkulose geringer ist als die der übrigen Bevölkerung, daß aber unter besonders schlechten äußeren Verhältnissen auch unter den Juden die Sterblichkeit an Tuberkulose ganz ungewöhnlich hohe Zahlen erreicht. Von einer echten Immunität kann also nach der zweiten Feststellung gar keine Rede sein. Wie aber erklärt sich die erste? Es ist wahrscheinlich, daß es sich um das Zusammenspiel mehrerer Faktoren handelt. Für die Fragestellung ist die Entscheidung wichtig, ob ein wirklicher, durch Selektion im Laufe der Jahrhunderte erworbener und vererbter — wenn auch beding -?r — Schutz vorliegt oder ob äußere Faktoren zur Erklärung aus jichen (Wohnungshygiene, erhöhte Sorgfalt, geringer oder kein All >holgenuß, das Stillen der Kinder, wodurch gewisse SchutzstofFe dem Kinde vermittelt werden, u. a. m.). Bedeutsam ist die Tatsache, daß diese geringere Sterblichkeit auch in den Arbeitervierteln Whitechapels oder im Eastend New Yorks nachzuweisen ist und daß sie für die Juden Hollands, die dem Stamm der Sephardim angehören, ebenso gilt wie für die Aschkenasim. Es sind also noch weitere Untersuchungen nötig. Hier ist etwas Prinzipielles einzuschalten. Bei allen Krankheiten, von denen behauptet wird, daß sie bei Juden seltener vorkommen, ist zu untersuchen, ob sie nicht oft verschwiegen wurden. Bei der Tendenz der jüdischen Bevölkerung, bestimmte Krankheiten, insbesonder erbliche (wozu auch bis heute im Volke die Tuberkulose gerechnet wird) zu verschweigen, muß man diesen Fehler berücksichtigen. Die Angaben in den Sterbebüchern sind vorsichtig zu bewerten, noch dazu, wenn die Angabe auf den Leichenscheinen