Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 4 (1926)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1926)
- Article
- Jüdische Eigenart und moderne Biologie
- Date
- 1926-06-01
- Page
- Seite 348 (sequence 1)
- Language
- German
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Jüdische Eigenart und moderne Biologie (Probleme der Biologie und Pathologie der Juden) Von Dr. med. M. J. Gutmann ie Biologie ist die Lehre vom Leben. Sie umfaßt alle Lebens- J—9 äußerungen, ihren Gesetzen ist alles Lebende unterworfen. Die Vielgestaltigkeit ihrer Erscheinungsformen wird augenscheinlich an den Erfahrungen, die zu machen wir Tag für Tag Gelegenheit haben. Die Summe der Einzelerfahrungen erlaubt uns, Gesetzmäßigkeiten zu finden. Psychische und somatische, geistige und körperliche Wesenheiten machen das Leben aus, sie stehen in engen Wechselbeziehungen und beeinflussen sich ständig und unaufhaltsam. Greifen wir dennoch die körperlichen Erscheinungsformen aus dem Gesamtzusammenhang heraus, so geschieht es, um Greifbares aufzuzeigen. Es kommt uns darauf an, die Dinge zu betrachten, wie sie sind und nicht wie sie sein sollen. Fließende Übergänge kennzeichnen alle Lebenserscheinungen, soweit sie nicht gewaltsam beeinflußt werden. Wo Menschen zusammen leben, passen sie sich allmählich einander an. Erhalten sich von einer Gruppe mehr als von der anderen, so spricht das nur für ihren Lebenswert, bewahren sie sogar ihre Eigenart bei freier Entfaltungsmöglichkeit, so müssen genügend eigene Kräfte am Werke sein. Diese Annahme einer besonderen jüdischen Eigenart bedarf aber des Beweises. Alle Gruppenwissenschaft ist notwendigerweise eine Vergleichswissenschaft. Ohne den Vergleich kommen wir günstigsten Falles zu einer einfachen Feststellung. Vergleichen können wir nur Fälle, die unter den gleichen Bedingungen stehen. Über die biologischen Sonderheiten der Juden liegt eine Reihe von Einzelbeobachtungen vor. Es fragt sich nur, ob sie ausreichen, einen Schluß auf alle Juden zu ziehen. Es werden ferner viele Sonderheiten behauptet, die nicht fest erwiesen sind, sondern für die nur Vermutungen vorliegen. Es sei zugegeben, daß Hypothesen, auch solche, die sich später als falsch herausgestellt haben, die Ursache und der Anstoß zu größten Entdeckungen gewesen sind. Es ist aber nötig, solange Beweise nicht vorliegen, diese Hypothesen als solche zu kennzeichnen. Denn sonst werden wir uns in Spekulationen verlieren. Beobachtungen, die vergleichswissenschaftlichen Untersuchungen dienen sollen, setzen also die Gleichartigkeit der Lebensbedingungen voraus. Man kann füglich behaupten, daß diese Gleichartigkeit für die Juden wohl selten bestand und besteht und daß diese in fast allen Ländern eine Entwicklung gegen Widerstand genommen haben. Mag dieser Widerstand in seinen Auswirkungen schließlich eine erhöhte Resistenz bewirkt haben, für den Vergleich bedeutet er eine Ungleichheit, die das Ergebnis beeinflussen muß. Einzelindividuen und biologische Gemeinschaften sind das Ergebnis eines in Generationen Gewordenen und ihrer jeweiligen Umwelt. Es ist hier nicht der Ort, das Gewordene in seiner Entwicklung