Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 4 (1926)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1926)
- Article
- Religion und Gesundheit
- Date
- 1926-06-01
- Page
- Seite 332 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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332 MENORAH horchen und eine höhere Macht für sich entscheiden zu lassen. Die Lebensstimmung eines gesetzestreuen Juden ist nicht unähnlich der eines Soldaten. Er gehorcht mit Freude dem, der berufen ist, ihn zu kommandieren. Dieser Dienst ist ihm eine Lust, und wenn er ihn leistet, fühlt er sich frei. So ist es mit dem Gehorsam des Juden gegen das göttliche Gebot bestellt. Hier ist keine Rede von einem Joche des Gesetzes, sondern wir empfinden Gebot und Pflicht als eine wunderbare Entlastung der Seele und als eine Beruhigung sondergleichen. Erhöhung der Lebensfreude, seelische und leibliche Gesundheit tritt im Gefolge der willigen Unterwerfung unter die Mizwoth ein. Mit tiefem Recht führt deshalb Max Scheler das „Aussterben der deutschen Juden" darauf zurück, daß sie „aus der geheimnisvollen Schutzsphäre der jüdischen Familientradition herausgetreten sind32)". Zu dieser Schutzsphäre gehören aber auch die anderen Schöpfungen des Judentums, von den Niddahgesetzen und der Mikweh, die das innerste Leben der Ehe in die gott- und naturgewollten Bahnen zwingen, bis zu den Speisegesetzen und den Vorschriften, die über Waschungen und Fürsorge für die Reinlichkeit zur Reinheit führen. Mit der Anerkennung eines gebietenden Gesetzes, das er nicht selber geschaffen hat, dem er sich unterwirft, schaltet der Jude auf wichtigen Gebieten des Lebens sein Selbst aus und befreit sich damit von seinem Ich. Diese Erlösung ist aber das heiß ersehnte Symptom der seelischen Gesundheit. Gesund ist der Mensch, der nicht weiß, daß er einen Körper hat, krank der, der immer an seinen Körper denkt. Der gesunde Mann weiß nichts davon, daß er einen Blinddarm besitzt und wo dieser liegt. Sobald er ihn spürt, ist er krank. Das Wissen um den Körper ist aber nicht nur Symptom der Krankheit, sondern auch Quelle und Ursache weiteren Leidens. Zahlreiche Funktionen werden tadellos vollbracht, so lange wir nicht an sie denken, sie werden sofort unsicher und verkehrt, wenn wir überlegen, wie wir sie ausführen sollen. Jeder halbwegs Unterrichtete schreibt tadellos orthographisch bis zu dem Augenblick, wo er sich Gedanken über die Rechtschreibung macht. Erst in diesem Moment wird er unsicher und macht Fehler. Es gibt einen bald erreichten Punkt, wo der Gedanke an das Ich krankhaft wird. Das erfahren wir im Umgang mit Neurasthenikern. Ihre Gedanken kreisen ständig um die eigene Person, um die Symptome seines Wohlbefindens und seiner Störung, und eben dadurch machen sie sich krank. Gelingt das schwere Werk, sie einmal ganz von sich loszulösen, daß sie sich selber vergessen, dann sind sie in dieser Stunde wenigstens gesund. Eine große Idee jenseits des Ich ist deshalb eine reiche Quelle seelischer Gesundheit, und die jüdische Religion macht und erhält gesund, indem sie solche Ziele aufstellt. Hier liegt eine der wichtigsten Funktionen des Thorastudiums. Bis auf die Gegenwart haben die jüdischen Geschlechter sich und die Welt über dem Studium der Thora vergessen und sind dadurch geistig und vor allem nervös gesund geblieben. Sie haben einen hohen Preis a2) Vom Umsturz der Werte II. S. 334.