Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 4 (1926)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1926)
- Article
- Bücher über den Orient [Rezension]
- Date
- 1926-05-01
- Page
- Seite 308 (sequence 3)
- Language
- German
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308 MENORAH er auch in den letzten Jahren sich bemühen, durch Entsendung von Söhnen des Nejd an die Beiruter Universität Intelligenzkräfte für sein Land zu gewinnen, so spricht doch jede Seite des Buches Philbys mehr von der Unmöglichkeit eines raschen Aufstieges der heuligen Herren Arabiens auch nur zur primitivsten Zivilisation, als ganze Bände anderer Autoren, die die Araber weniger gut kennen und weniger lieben als Philby. Er, der britische Gesandte, war den Untertanen Ibn Sauds nicht mehr und nicht weniger als ein unreiner Ungläubiger. Nur widerwillig und dem eisernen Befehl ihres Imams gehorchend, entschlossen sich seine Soldaten, den Ungläubigen auf seiner Reise zu begleiten, da sie sich dadurch zu verunreinigen fürchteten. Und selbst jene Gefährten, die monatelang mit ihm Entbehrungen und Abenteuer geteilt hatten, vermieden es, ihm Besuche zu machen oder ihn in ihr Haus einzuladen, als sie ihn wiederum in der Hauptstadt des Nejd am Hofe Ibn Sauds trafen. Noch stärker wirkt es aber, daß die Einwohner Arabiens immerhin sich untereinander noch mehr hassen, als den Ungläubigen, Juden oder Christen. „Ich hätte nichts dagegen," sagt Ibn Saud (Seite 282, Band I), „eine Christen- oder Judenfrau zum Weib zu nehmen . .. Juden wie Christen sind auf ein Buch eingeschworene Völker; eine Schia' aber oder ein. Weib aus Mekka würde ich unter keinen Umständen ehelichen .. . Sie haben sich des allmählichen Abfalls schuldig gemacht und der ,Beigesellung', denn zollen sie nicht Mohammed, Ali. .. und anderen Heiligen göttliche Ehre?" Den Bewohnern Mekkas überhaupt „bringen die Wahhabiten heftigsten Haß entgegen" (Band I, Seite 289). Die Ehrerbietung, die sie Mohammed beweisen, wird als Bekundung - polytheistischer Neigungen verurteilt (an gleicher Stelle). Mekka gilt als Inbegriff sunnitischer Ketzerei, und die Verbrechen seiner Einwohner sind „Unzucht, Betrug, Rauchen und Trinken, Sodomie und Vielgötterei". Die Schiiten noch mehr als die Mekkaner sind ohneweiters Ungläubige. Nur im südlichsten Teil des Nejd, im Wadi Dawassir, findet Philby gegenseitige Toleranz unter den Eingeborenen, allerdings gerade in diesem Gebiet fast gar nichts vom Einfluß des Wahhabitenglaubens, ja, beinahe überhaupt keinen Glauben. „Die Muslimmaßstäbe in bezug auf Glaube und Wandel, die jetzt... vorherrschen, sind erst vor ziemlich kurzer Zeit bei ihnen eingeführt worden. Man entsinnt sich unschwer der Zeit, in der Gebete unbekannt waren und der Trauakt jeder religiösen Form entbehrte." (Band II, Seite 204.) Es ist kein Zufall, daß gerade in diesem irreligiösen Gebiet des Wadi Nejran die letzten Vorposten der Juden sind, die sich auf der Halbinsel Arabiens erhalten haben. Es sind vier Familien, die als Büchsenmacher, Metallarbeiter und Finanziers mitten unter ihren wilden Nachbarn als freie geachtete Gemeinde existieren. Ihre Mitbürger haben „viele Stämme, die noch Berge verehren, Fleisch, Butter und andere Dinge der Sonne opfern, auf das öffentliche Gebet verzichten, kurz, nicht einmal dem Namen nach als Muslims bezeichnet werden können . . ." (Seite 212, Band IL) Es ist ein weites und gewaltiges Gebiet, das Ibn Saud heute repräsentiert und um dessen Aufnahme in den Völkerbund er sich bemüht. Jeder, der am Geschick Arabiens und Palästinas Interesse hat, muß dieses Buch Philbys, für dessen deutsche Ausgabe angesichts ihres verhältnismäßig billigen Preises dem Verlage Brockhaus besonders gedankt werden soll, lesen, um die Schwierigkeiten zu ermessen, die einer kulturellen Annäherung zwischen Europa und dem arabischen Wüslenvolk noch im Wege stehen. Eine Reihe ausgezeichneter Photographien erhöhen das Interesse des Buches für den Laien, ein fast 40 Seiten langes Sach- und Wortregister für den Orientalisten. Bei dieser Gelegenheit sollen noch zwei andere Bücher erwähnt werden, die gleichfalls vom Verlage Brockhaus im Jahre 1925 herausgebracht wurden: die lebendigen und interessanten Reisebeschreibungen von Collin Boss „Heute in Indien" und den vorhergehenden Band „Das Meer der Entscheidun-