Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 4 (1926)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1926)
- Article
- Ulla Wolff-Frank
- Date
- 1926-05-01
- Page
- Seite 304 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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304 MENORAH Von unseren Künstlern Ulla Wolff-Frank Am 1. Juni 1924 slarb in Berlin eine jüdische Patriarchin im gesegneten Alter von 77 Jahren, eine Schriftstellerin, deren Andenken es verdient, festgehalten und erneuert zu werden. Es sind 30 Jahre her, daß eine Dame zu mir kam, der ich als Direktor einer Verlagsgesellschaft über eine Zeilschrift zu verfügen hatte, eine Schriftstellerin wie so viele andere, die einen Roman anbot. Und aus diesem zufälligen beruflichen Zusammentreffen entwickelte sich eine Zusammengehörigkeit, die nicht endete. Sie kam aus dem Kehillaleben von Oberschlesien, das sie in wertvollen, lebenswahren Schilderungen verewigt hat. Und es scheint, daß in ihr das Bedürfnis nach der wahren jüdischen Gemeinde lebendig blieb. Sie lebte in der Großstadt mitten im gewalttätigen Rhythmus von Berlin, wo sie sich in ihren Freunden eine jüdische Gemeinschaft schuf, für deren Wohl und Wehe sie sorgte, ein seelisches Oberhaupt. Im Mittelpunkt dieses schönen Kreises stand Gustav Karpeles. Sic hatte ihr Frauenleben als Mittelpunkt einer großen Judengemeinde begonnen, als Gattin des Rabbiners Frankfurter von Bielitz. Nach dem Tode des viel älteren Mannes (Fortsetzung von Seite 295) entwickelte sich ihr schriftstellerisches Talent. Sie veröffentlichte 16 Bücher, Romane und Novellen, aus dem modernen Leben, das sie vorzüglich beobachtete, schrieb dabei Korrespondenzen für große Tageszeitungen, arbeitete um das tägliche Brot wie ein Mann. Denn diese mütterliche Frau war durch viele Jahre nur als Mann, als der Autor Ulrich WoIiT- Frank bekannt. Sie halte in zweiter Ehe später ihren Jugendfreund Ludwig Wolff geheiratet. Und ihre Hand war gesegnet. Es gedieh alles, Avas die Sonne ihrer Seele beleuchtete. Sie sprach von allen Menschen Gutes. Ihre Freunde waren besondere Erscheinungen, Berlin der Mittelpunkt der Welt, die allgemeinen Zustände musterhaft. Das trennte unsere Meinungen. Nach dem Zusammenbruch schrieb sie mir, daß sie sich ihrer Urteilslosigkeit schäme, aber die gesunde Auferstehung Deutschlands mit Sicherheit erwarte. Aus all ihren Worten sproß das Leben. Ihre Freunde, ihre weitere Familie, Kinder und Kindeskinder, alles gedieh im Segen ihrer Vorhersagung. Im Mittelpunkt dieses hellen Daseins, besonnt von innerem Licht, stand das wahre, aufrechte Judentum. Sie hat zahlreiche jüdische Novellen geschrieben, drei jüdische Bücher sind von ihr im Buchhandel erschienen: Beim Patriarchen. Die Toten. Der Mischpoche-Rentner. Feine Seelen. Simon Eichelkatz. Die Geschichte zweier Sabbatnachmittage. Viel mehr findet sich in den Jahrbüchern für jüdische Literatur und Geschichte. Spätere Zeiten werden aus diesen Büchern und Geschichten ein Stück Judentum rekonstruieren, wie es in Oberschlesien und ähnlich in den meisten jüdischen Gemeinden deutscher Kultur abrollte. Fein gesehene Figuren aus dem Kleinleben der Übergangszeit, da Dörfer Industriestädte wurden, in denen Juden zum Reichtum kamen, Dokumente für die Epoche, da der bodenständige Jude Kanonenfutter der Großstadt wurde. „Simon Eichelkatz" enthielt die tragische Geschichte eines Ostjuden in einer „westlichen" Gemeinde.