Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 4 (1926)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1926)
- Article
- Das Haus
- Date
- 1926-05-01
- Page
- Seite 303 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2912821-2912853-2912859-2917509--03268-2917657- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
DAS HAUS 303 sie darauf mit einem „Gimmel" einkassierte. Welch einfache, kindliche Freuden lagen in allem, was diese wohlerzogene Jugend genoß! Welches Glück strahlte sie aus über das Familienleben dieses Hauses. Oft dachte ich an das, was man heutzutage die Erziehung einer guten Kinderstube nennt. Fürwahr, niemals haben diese Kinder ein heftiges, unfreundliches Wort gehört, niemals etwas Gehässiges, Bösartiges, Ungütiges. Ich bin meiner Sache sicher, wenn ich behaupte, daß in der Ehe des Rabbiners und seiner Frau nie ein Streit, aufgeregte Szenen, Heftigkeiten, Gegensätzlichkeiten, Ungehörigkeiten sich abspielten. Gab es Ärgerliches, Unzuträglichkeiten, Sorgen oder Leid, so kam es von außen oder vom Schicksal und wurde gemeinsam getragen, in gleicher Seelenstimmung und Harmonie, in Würde und Demut. Nichts Lautes, Demonstratives verletzte, erschreckte die reinen Kinderseelen, denen alles ferngehalten wurde, was sie unruhig, ängstlich, unfroh hätte machen können. Sie sahen und hörten nur Liebes, Gütiges, Frohes und kannten die Welt nur im Sonnenschein, Friedensglanz einer edlen Familienzusammengehörigkeit. So gedeiht und entwickelt sich wohlerzogene JugendI Das Beispiel ist die einzig wirksame Erziehungsmethode. Zeiget euren Kindern nichts von der Unrast, der Heftigkeit, dem Jähzorn eurer Natur; Hemmung, Hemmung, dreimal Hemmung! Seid fein und gelassen im Verkehr mit ihnen, vermeidet unschöne Manieren und Gebärden, vernachlässigte Formen . . . Was sie nicht kennen und vor sich sehen, werden sie nicht nachahmen und so vollzieht sich ohne Strenge und drakonische Gesetze, ohne Geschrei und — fürchterlicher Gedanke — Prügelstrafen, die Entwicklung und Menschwerdung des Kindes. In solchen Kinderstuben blüht die wohlerzogene Jugend. Sehe ich ungezogene, unartige Kinder, so denke ich immer an die ungezogene, unangenehme Mutter. Ich bedaure diese Kinder und mißbillige die Mutter. Ich glaube sogar, daß schlechte Eigenschaften, wie Eigensinn, Hang zur Lüge, Genäschigkeit sich beseitigen lassen, wenn man ungünstige Eindrücke aus dem Wege räumt. Durch gutes Beispiel und Milde, ohne aggressive Eingriffe von Prügeln, Schelten, Zanken, Strafmaßregeln ... da bin ich wieder mitten drin in meinen pädagogischen Betrachtungen. Das prachtvolle Rabbinerhaus bringt mich stets auf diese mir interessanten Studien. Dort war es vorbildlich. Mit größter Sorgfalt hielten die Eltern dem häuslichen Herd alles fern, was einen Schatten auf den lichten Glanz des Hauses hätte werfen können. Auf sein Behagen, seine ökonomische Sorglosigkeit, seine Genügsamkeit, seine unsagbare Zufriedenheit, seiner Sitten liebenswürdige, selbstverständliche Freundlichkeit . ..