Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 4 (1926)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1926)
- Article
- Oberschlesische Motive
- Date
- 1926-05-01
- Page
- Seite 288 (sequence 2)
- Language
- German
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288 MENORAH Einsamkeit der Besinnung sich breitete, fand sich der künstlerische Mensch völlig vereinsamt, und seine Kraft konnte sich gesteigert finden nur durch die Rebellion gegen diese Art von Dasein. Die übermäßige Arbeit, deren Ertrag ins Ferne verläuft, ohne Glanz, Freude, Ruhe, Daseinsgefühl dort zu verbreiten, wo sie geleistet ward, und der Geist, der sie durch seine peitschenden Befehle atemlos erzwrang: die moderne Arbeit und der kapitalistische Geist konnten in Oberschlesien bei den künstlerischen Menschen nur Flucht vor ihm oder Aufstand gegen ihn erzengen — kein Lobredner der „Moderne" vermochte dor'i zu entstehen und kein Sänger oder malender Verklärer des glorreichen zwanzigsten Jahrhunderts, welches die Mündung des neunzehnten in den Krieg ward. Daß aber die Anklage ausblieb, der Aufstand, die radikale Verurteilung dieser Art von Dasein und dieses Geistes, lag außer unserer Torheit daran, daß die Last nicht auf unserem Nacken lag, sondern auf dem des polnischen Arbeiters, „der Polen" summarisch, welche im Körper Oberschlesiens die Muskeln sind (nicht weniger, nicht mehr), deren Sprache uns niemand lehrte oder nahelegte, deren Lebensform uns niemand deutete, und deren Recht auf bessere Daseinsbedingungen uns verdeckt wurde vom Germanisierungstaumel eines sich vermessenden und über alle Grenzen schwellenden Staates. Der künstlerische Mensch — wir verließen Oberschlesien, sobald es anging und verschwiegen es flüchtend. JnLeute lächelt im Reiche niemand mehr geringschätzend und gönnerisch, wenn das Wort „Oberschlesien" ausgesprochen wird. Aus dem Chaos einer verzerrenden Berichterstattung hebt sich immer drohender die Furcht vor dem Verlust dieses angespannt arbeitenden Zentrums der deutschen Wirtschaft nach dem Kriege. Und der Künstler, der heute mit oberschlesischen Motiven seine Produktion erregt, steht nicht als Entdecker neuer Schönheit auf, sondern als ein Mensch in der Furcht um den Verlust der Heimat: der Heimat, die, plötzlich bedroht, schön ist, wie sie auch aussehe, der Heimat, die in der Erbschaft der Sünden eines vergewaltigenden Staates verloren gehen kann an einen anderen Staat, der sie nicht geschaffen hat, nie hätte schaffen können, und dessen Anrecht auf sie weder natürlich noch sittlich ableitbar ist. Möglicher Verlust der Heimat und das Vernichtende dieses Verlustes für das im Wundfieber zitternde Reich geben dem oberschlesischen Motiv, dieser kargen Landschaft, diesem industriellen Werkbau plötz- II.