Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 4 (1926)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1926)
- Article
- Mein Vater
- Date
- 1926-05-01
- Page
- Seite 279 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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MEIN VATER Von Emil Ludwig Ganz Breslau kannte den Augen-Cohn, und wäre der Ursprung dieses Namens jemand unbekannt geblieben, er hätte ihn aus dem lebhaften Braun, aus den beweglichen, klugen und guten Blicken herleiten können, mit denen er die Bilder der Welt zu erraffen wußte. Denn das Auge war jenes Organ, mit dem sich dieser Mann die bunte Erde aufschloß; ja, um es vollends symbolisch zu gestalten: es war ein kurzsichtiges Auge, das ein halbes Leben lang forschte, um die Augen seiner Mitmenschen von der Kurzsichtigkeit zu befreien. Hermann Ludwig Cohns Leistung ist in die Geschichte der Medizin eingegangen, auf einen ehrenvollen Platz, nicht neben Gräfe, aber vor den meisten seiner Zeitgenossen in gleichem Fache, und wenn zwanzig Jahre nach seinem Tode ein Teil seiner Thesen bestritten wird, so ist der andere Teil doch unangreifbar. Vor Jahren wurde seine Lebensarbeit von den Professoren Weber und Laqueur in einer Monographie zusammengefaßt. Doch ist nicht dies heute die Frage, ob sein „Lehrbuch der Hygiene des Auges" zum Teil überholt sei, noch auch, ob die Kurzsichtigkeit, wie andere Forscher glaubten, mehr Anlage, oder, wie er behauptete, mehr erworbene Eigenschaft sei, sondern dies: wer vor ihm etwa den Sinn für die Pflege des Auges in die Menge getragen hat. Die Augen jener Zehntausende, denen er durch Operation oder Kur das Licht wiederschenkte, sind längst gebrochen, die Legion von Hörern ist längst grau, oft stumpf geworden, denen er seine Wissenschaft vorgetragen, die Kämpfe sind vergessen, die er mit Behörden, Kollegen und Schulmännern um seine Lehre ausgefochten, die Freunde sind hin, denen er sein lebendiges Herz zugeworfen, und nur in einer Handvoll überlebender Menschen blüht noch der Dank für so viel Wärme. Aber eine Wirkung ist doch geblieben. Sechzig Jahre nach den ersten Anfängen der Augenhygiene, die auf Hermann Cohn zurückgeht, ist sie zur weitverzweigten Wissenschaft erwachsen, auf allen Hochschulen wird sie gelehrt, nachdem er als der erste in Europa ein Kolleg darüber gehalten, und dies gelang allein durch das Ungestüm, die Ausdauer und Verve dieses einen Mannes. Es war sein Temperament, nicht bloß sein Kopf, es war der soziale Wille, der unermüdliche Aufruf zur Besserung von Licht und Schule, der schließlich eine große Bewegung weckte. Zahllos in allen Ländern sind die Scharen