Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 4 (1926)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1926)
- Article
- Capistrano, ein Breslauer Judenfeind in der Mönchskutte
- Date
- 1926-05-01
- Page
- Seite 264 (sequence 3)
- Language
- German
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264 MENORAH Zur Untersuchung der Angelegenheit wurde Johann Capistrano bestimmt. Ihm wurden noch drei Sendboten des Königs zur Verfügung gestellt. Das gesamte weltliche Gut, und darauf kam es in erster Reihe an, wurde beschlagnahmt. Elf Hefte füllen auf dem Archiv nur die amtlichen Verzeichnisse der Schuldbriefe, die bei den Juden gefunden wurden. Groß ist das Verzeichnis der Sachen, die man bei ihnen konfisziert hat, für den Kulturhistoriker eine Fülle von Material zur Erforschung der Lebenshaltung in der damaligen Zeit. Die Judengasse Breslaus befand sich damals in der heutigen Ursulinerstraße. Und man kann sich vorstellen, welch unsagbares Elend unter diesen Menschen in diesem Augenblicke herrschte. Es lag nicht im Interesse der Bedrücker, die 318 Juden, die man aus ganz Schlesien zusammengetrieben hatte, für lange Zeit im Gefängnis zu beköstigen. Der Zweck war ja erreicht. So hat man nun kurzen Prozeß gemacht. Der Führer der Gemeinde, der Rabbiner, erhängte sich im Gefängnis, 41 derjenigen, auf die der meiste Verdacht fiel, wurden verbrannt, die übrigen aber wurden aus der Stadt vertrieben. Am 30. Jänner 1455 verfügte König Ladislaus die endgültige Vertreibung der Juden aus Breslau: „Wir setzen und wollen mit wohlbedachtem Mut und gutem Rat von böhmischer königlicher Macht in Kraft dieses Briefes, dass nun fürbass kein Jude und keine Jüdin in derselben unserer Stadt Breslau für ewige Zeiten in keiner Weise ihre Wohnung haben soll." Der König hat auch seinerseits aus dieser Verfolgung seinen Vorteil gehabt. Nun, die Zukunft hat es anders gewollt. Die ewigen Zeiten, von denen Ladislaus sprach, waren nur vorübergehend, Breslau kam ohne die Juden nicht aus. Sie waren vor allem für den Handel mit Polen unbedingt notwendig, und heute befindet sich in der schlesischen Hauptstadt eine der blühendsten Gemeinden. Was aber, so könnte man fragen, was hat Capistrano mit all diesen Dingen zu tun? Er ist die Seele dieser Verfolgungen gewesen. Er hat den jungen böhmischen König in einer Weise beeinflußt, daß die obengenannten Verfügungen erlassen wurden. Der Breslauer Chronist berichtet, daß Capistrano es war, der den Scharfrichter die Anweisung gegeben hat, wie er die Juden martern soll. Ihm stand die ganze Erfahrung der Inquisition zur Verfügung, er wußte die Anschuldigungen so zu verwerten, daß für die Juden nur der Feuertod blieb. Wer heute durch die Gassen in Breslau geht, in denen damals dieses jammervolle Schauspiel sich vollzog, der sieht im Geiste die