Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 4 (1926)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1926)
- Article
- Capistrano, ein Breslauer Judenfeind in der Mönchskutte
- Date
- 1926-05-01
- Page
- Seite 262 (sequence 1)
- Language
- German
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Capistrano, ein Breslauer Judenfeind in der Mönchskutte Von Willy Cohn ls eine der wohltätigsten Gaben der Vorsehung möchte ich das f \ Vergessen ansehen; nicht nur, daß im Leben des einzelnen vor Jahren erlittenes Leid in der Erinnerung verblaßt, auch im Leben der Völker ist es glücklicherweise nicht anders. Keine Gemeinschaft aber kann sich so dieser Tatsache erfreuen, wie Israel; denn würden wir uns in jedem Augenblicke der zahllosen Verfolgungen erinnern, die unser Volk in den zweitausend Jahren der Zerstreuung erlitten hat, so könnten wir das Leben nicht ertragen. Ist es aber dann nicht ein Unrecht, wenn wir in diesem Aufsatz die Erinnerung an einen großen Bedrücker wieder wachrufen? „Vergiß es nicht", so steht schon in der Thora geschrieben, wenn von Amalek die Rede ist. Dieses Nichtvergessen ist auch heute von Bedeutung, wo ein Teil der Judenheit, in äußerer materieller Sicherheit dahinlebend, sich nicht der Tatsache erinnert, daß die Vergangenheit auch solche Zeiten gekannt hat und daß es trotzdem zu Rückschlägen kam. Immer wieder steht Amalek gegen Juda auf, ob er Capistrano heißt oder Ford oder Hitler! Die moderne Geschichtswissenschaft sieht im Ablauf der Ereignisse heute vor allem auch wirtschaftliche Zusammenhänge. Diese Erkenntnis hat ganz besonders der jüdischen Geschichte genützt. Man kann durchaus beweisen, daß die meisten Verfolgungen des Mittelalters derartige Ursachen hatten und daß das ideelle Moment lediglich vorgeschoben war. Es ging in erster Reihe um die Beseitigung der Judenschulden durch Vernichtung aller Aufzeichnungen und durch Totschlagen der Gläubiger. Das beste Mittel, um die Massen gegen die Juden aufzureizen aber war der Vorwurf der Verletzung christlicher religiöser Empfindungen. So war es auch als der Franziskanermönch Johann Capistrano in Breslau auftrat. Um das Jahr 1385 war er in den Abruzzen geboren worden. Im Alter von 17 Jahren trat er in den Franziskanerorden ein und schloß sich hier der strengsten Richtung an. Er war von einem fanatischen Haß gegen Ketzer und Juden erfüllt. Es wird erzählt, daß er im Jahre 1450 eine Disputation mit dem gelehrten Juden Rabbi Gamaliel gehabt haben soll. Doch trifft es sicher nicht zu, wenn von christlicher Seite erzählt wird, daß er ihn mit vierzig