Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 4 (1926)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1926)
- Article
- Geschichte der Juden in Schlesien
- Date
- 1926-05-01
- Page
- Seite 261 (sequence 5)
- Language
- German
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GESCHICHTE DER JUDEN IN SCHLESIEN 261 denen ein zaghaftes, armes Völkchen kümmerlich sein Leben fristen konnte. Das Angrenzen an Polen und die Bedeutung des polnischen Handels für das christliche Bürgertum verbesserte hier einigermaßen ihre Lage zu einer Zeit, als sonst in Deutschland das jüdische Leben noch schwer zerrüttet war. Mancher lernte sich an größeren Geschäften betätigen, auch ohne daß er einem Fürsten als Hofjude, wie das im Westen jetzt öfters vorkam, zu dienen brauchte. Die Aufklärung des endenden 18. Jahrhunderts hat unter den schlesischen Juden sehr tiefe Wurzeln geschlagen, ohne daß doch die religiösen Formen völlig zusammengebrochen wären. So scharf die Grenze war, die die schlesischen Juden gegen die Glaubensgenossen im Osten zu ziehen suchten — sie konnten nicht hindern, daß sie dort eine starke Wirkung ausübten. Wie die polnischen Juden die schlesischen Schulen, die bekannten Breslauer Ärzte und die schlesischen Bäder mit ungemeiner Bewunderung betrachteten und es als selbstverständlich ansahen, daß die große Hospitalstiftung der Baronin Hirsch für sie, nicht zu ihnen, sondern nach Breslau verlegt wurde, so haben sie die schlesischen Juden auch sonst als ihre Vorbilder betrachtet und viel von ihnen zu lernen gesucht. Vielleicht kommt dem schlesischen Judentum in der Aufwärtsbewegung der Juden des Ostens noch einmal eine wichtige Rolle zu. Eins macht dieses besonders wahrscheinlich. Das schlesische Judentum hat im Gegensatz zu der sträflichen Gleichgültigkeit weiter jüdischer Kreise gegen die jüdische Wissenschaft ihr, die ja das beste Bindemittel für alle Zweige des Judentums der Welt sein muß, auch in den Tagen der Blüte eines geschichts- und oft auch gedankenlosen Liberalismus immer eine Stätte bereitet. Die Wichtigkeit des um die Mitte des 19. Jahrhunderts gegründeten Breslauer theologischen Seminars für die Heranbildung eines kenntnisreichen Rabbinerstandes ist gar nicht abzuschätzen. Diese Anstalt darf es immer als ihren großen Ruhmestitel betrachten, daß an ihr H. Graetz fast sein ganzes Leben gewirkt und dort seine große Geschichte der Juden geschrieben hat, der die Bedeutung einer ganzen Akademie für die Wissenschaft des Judentums zukommt. Bei der Feier des 70. Geburtstages von Graetz hat der Rabbiner, der Berlin bei dieser Feier vertrat, nicht mit Unrecht die starke und große Berliner mit der viel kleineren Breslauer Gemeinde verglichen. Erstere repräsentiere einen Hauptort jüdischen Lebens, Breslau aber habe es verstanden, der Hauptsitz der jüdischen Wissenschaft auf der ganzen Erde zu sein und werde diese hohe Stelle behaupten.