Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 4 (1926)
- Issue
- Heft 4 (April 1926)
- Article
- Molière in Jerusalem
- Date
- 1926-04-01
- Page
- Seite 247 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2912821-2912853-2912858-2917313--03101-2917431- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
MOLIERE 247 Jahre gegeben wurden, so hat das Theater 40.000 Besucher im Jahr gehabt, das ist etwa über 100 pro Tag. Wären aber nicht vier, sondern acht Stücke aufgeführt worden, so hätte das Theater mit 80.000 Besuchern rechnen können und bei noch mehr Einstudierungen mit einer noch größeren Zahl von Besuchern und daher auch mit entsprechend höheren Einnahmen. (Natürlich läßt sich das nur bis zu einem gewissen Grade steigern.) Dies ist die eine Seite der Sache. Die zweite Seite ist die Frage der Erbauung eines palästinensischen Theaters, die allerdings momentan weniger aktuell ist, da in Tel-Awiw in den Ausstellungsgebäuden ein anständiger Saal zu anständigen Bedingungen, zumindest für die Wintermonale, in denen keine Ausstellung stattfindet, für die Oper und für das Theater zur Verfügung gestellt wurde. Trotzdem ist das nur ein Provisorium, und man wird früher oder später — ich hoffe sehr bald — an das jüdische Volk herantreten müssen, um anständige und repräsentable Theatergebäude in Tel-Awiw und Jerusalem errichten zu lassen. Wird aber jemand die Notwendigkeit einsehen, ein Gebäude für ein Theater zu errichten, in dem vier Stücke im Jahr gespielt werden (von denen gar eines schon in Berlin einstudiert worden ist), so daß das Resultat der palästinensischen Arbeit der Truppe drei Stücke pro Jahr sind? Noch wichtiger aber erscheint, daß bei der derart übertrieben intensiven Arbeit zwei Elemente zu kurz kommen, an die man über dem gründlichen Studium des Stückes doch nicht ganz vergessen darf. Diese zwei Elemente sind zunächst — das hebräische Publikum Palästinas, das schließlich und endlich moderne Stücke sehen will, das nicht nur lesen, sondern auch schauen will, was die große Welt jenseits des Meeres interessiert. Und das zweite Element — in Wahrheit aber das erste — die Schauspieler selbst, die lernen und vorwärtskommen wollen, die alles mögliche spielen wollen und spielen müssen, wenn sie nicht die Absicht haben, interessante Künstler eines interessanten Experimentiertheaters in hebräischer Sprache zu werden, das unter einem Glassturz arbeitet und wirkt, statt im wehenden, brausenden Leben der dramatischen Welt seine Kräfte und sein System zu erproben. Und wenn der Künstler nicht viel und vielerlei spielt, kann er seine Kunst nicht entwickeln . .. Wichtig erscheint mir, daß viele gute JAFFA-TOR moderne Dramen so auf der hebräischen Bühne erscheinen, wie sie der Dramatiker aufgeführt wissen will (und nicht so, wie es dem jungen Schauspieler interessant erscheint). Wichtiger, als daß künstlerisch noch so hochstehende Experimente gemacht werden, denen gegenüber das palästinensische Publikum doch letzten Endes kühl bleibt, scheinen mir Aufführungen starker Dramatiker. Shakespeare und Rostand, Pirandello und Shaw auf der hebräischen Bühne werden uns durch das Beispiel einer gesunden, lebendigen Dramatik nach Jahren harter Arbeit hoffentlich das schaffen, was Aufführungen von ,,Belsazar" und — man verzeihe mir — sogar Beer-Hofmanns „Jaakobs Traum" nie werden schaffen können: den hebräischen Dramatiker, der nicht hebräische Legendenslücke aus der Bibel dramatisieren wird, sondern das junge pulsierende Leben Palästinas. Die Probleme von heute und von morgen.