Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 4 (1926)
- Issue
- Heft 4 (April 1926)
- Article
- Die wirtschaftlichen Verhältnisse in Palästina und der orientalischen Diaspora im 2. bis 6. Jahrhundert der christlichen Ära
- Date
- 1926-04-01
- Page
- Seite 206 (sequence 2)
- Language
- German
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206 MENORAH in völlig normaler Weise, auch jenes nicht ausgenommen, welches das soziale Leben mit dem der Natur aufs innigste verbindet. Daher wohl die um jene Zeit allgemeinverbreitete Vorstellung von dem Wohlstande der jüdischen Volksmassen. Der heilige Hieronymus, der gleich den anderen Kirchenvätern die Wahrheit des Christentums mit der elenden Lage der Juden zu beweisen suchte, vermochte denn auch nur auf ihre politische, nicht aber auf ihre ökonomische Zurücksetzung hinzuweisen. Voll Bitterkeit beklagt er sich darüber, daß die Juden in Palästina ohne materielle Sorgen leben, und daß keiner von den jüdischen Gesetzeslehrern mit dem Beispiel einer Geringschätzung des Reichtums und einer Bevorzugung der Armut, wie dies vom Standpunkte eines christlichen Mönches empfehlenswert erscheint, vorangehe2). Daß auch die Gesetzeslehrer Babyloniens die Armut nicht als Tugend ansahen, ist daraus zu ersehen, daß viele Akademievorsteher wohlhabende Männer, und zwar vornehmlich Grundbesitzer waren (so Rab, R. Huna, R. Chisda, R. Nachman b. Jakob, Raba, R. Aschi u. a.). Es ist aller Grund zu der Annahme vorhanden, daß der Ackerbau überhaupt einen Grundpfeiler des jüdischen Wirtschaftslebens jener Zeit in beiden Zentren, in Palästina wie in Babylonien, bildete. Spuren einer reich entfalteten landwirtschaftlichen Kultur finden sich nicht nur in der Agrargesetzgebung des Talmud, sondern auch in jenen zahlreichen haggadischen Aussprüchen, die den Beruf des Landmannes preisen: „Willst du satt sein, so diene der Erde"; „Es wird eine Zeit kommen, da man aus allen Zünften zum Ackerbau übergehen wird"; „Ein Mensch, der nicht eine Erdscholle sein eigen nennt, kann seinem Menschenberufe nicht voll genügen"; „Es heißt: ,Der König ist dem Felde dienstbar' (Kohelet 5, 8) — dies will sagen, daß sogar der von einem Ende der Welt bis zum anderen herrschende König vom Felde abhängig ist, denn er muß immer wieder über den Bodenertrag Erkundigungen einziehen"3). Die klimatischen Verhältnisse Palästinas waren für den Landbau überaus günstig; die Regenzeit, die mit kurzen Unterbrechungen vom Oktober bis zum Februar anhielt (Jemoth ha'gescharnim), sicherte die Getreideernte im Frühjahr, und nur an manchen Orten war man genötigt, sich der künstlichen Bewässerung zu bedienen. Dagegen hing der Bodenertrag in Babylonien, wo die Niederschläge nur spärlich waren, hauptsächlich von der Überschwemmung des Landes durch die Fluß- und Kanalgewässer ab, oder aber von der künstlichen Be- 2) Hieronymus, Comment. in Isaiam, 3, 3. Patr. lat. XXIV, 62. 3) Sanhedrin, 58 b, Jebamoth, 63 a, Kohelet rabba, 5, 6.