Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 4 (1926)
- Issue
- Heft 3 (März 1926)
- Article
- Die beiden Schwerter
- Date
- 1926-03-01
- Page
- Seite 179 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2912821-2912853-2912857-2917121--02967-2917232- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Die beiden Schwerter Aus der Novellensammlung: Geschichten einer Gasse Samuel Fingerhut, Sohn eines jüdischen Handelsmannes in Kojetein und Talmudschüler, hat sich vom Stadtdechanten im geheimen taufen lassen und verschwindet kurz darauf aus seiner Heimat. Nach zwei Jahren taucht er wieder auf, jedoch als Bekenner der jüdischen Religion. Wegen des Abfalles vom angenommenen katholischen Glauben wird er verhaftet. Nach einem alten Gesetz muß der Kaiser, in dessen Hand die zwei Schwerter — das geistliche und das weltliche — ruhen, den Abtrünnigen zum Tode verurteilen. Die Eltern Fingerhuts bitten in Audienz vor dem Kaiser um das Leben ihres Sohnes. Einige Zeit später besucht Josef II. auf einer Reise durch Böhmen Kojetein und läßt sich durch den Stadtdechanten den jungen Fingerhut vorführen, um ihn unerkannt zu vernehmen ... ach einer Viertelstunde, während welcher der Kaiser in tiefes _L ^1 Nachdenken versunken am Fenster gestanden war, öffnete sich die Tür der Stube, und herein traten der Stadtdechant von Kojetein und „Adrian" Fingerhut. Auf den ersten Anblick erkannte das scharfe Auge des Kaisers in Adrian Fingerhut eine jener Persönlichkeiten, die das Gepräge innerer Gemütskämpfe deutlich auf dem Antlitz tragen. Der Sohn des jüdischen Handelsmannes, eine lang aufgeschossene, fast hagere Gestalt, die in dem fahlen Lichte der Studierlampe noch größer erschien, als sie in der Wirklichkeit war, überragte die des Pfarrers um Kopfhöhe. Das Gesicht zeigte feine, fast weibliche Züge und wies auf die Mutter hin, deren Bild, wiewohl Monate zwischen jetzt und der damals im Kontrollorgange stattgefundenen Audienz lagen, klar und bestimmt im Gedächtnisse des Kaisers auftauchte. Adrian Fingerhut war an der Tür stehen geblieben. „Ist dies der Mann, von dem Sie mir gesprochen haben, Herr Dechant?" fragte Josef nach einer geraumen Weile, während welcher er seine Blicke von dem jungen Israeliten nicht abzuwenden vermochte. „Er ist es", entgegnete der Dechant, sich ehrfurchtsvoll verbeugend, doch mit gedämpfter Stimme. „Heißen Sie ihn näher treten, Herr Pfarrer", sagte der Kaiser, sich dichter in seinen Mantel hüllend, um die darunter schimmernde Uniform gänzlich zu verdecken. Adrian Fingerhut trat auf den Wink des Dechanten in das volle Licht der Lampe.