Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 4 (1926)
- Issue
- Heft 3 (März 1926)
- Article
- Der Seitenstetten Tempel
- Date
- 1926-03-01
- Page
- Seite 157 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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DER SEITENSTETTEN TEMPEL 157 seicht hervortretende Flügel mit je drei Fensterachsen gliedern die Höhe des vierstöckigen Bauwerkes. Im übrigen aber herrscht — mit der flachen Rustika des Erdgeschosses und dem kräftigen Gesims darüber, mit den gedrungenen Bogen zu ebener Erde, den von Giebeln, von Balken und endlich von Blendlogen gedeckten Fenstern der drei Stockwerke — die wagrechte Ordnung, das ruhig ausgestreckte Lagern. Diese Fassade ist nicht rhythmisch erlebt, sondern sauber errechnet, auch der reliefierte Zierat antikischer Herkunft — Mäander, Rosette, Ranke und Gewinde — bleibt besonnen, man wird von dem laublütigen Wesen, das sich hier kundgibt, nicht tiefer, aber von seiner maßvollen Schlichtheit nur angenehm berührt werden. An das Vorderhaus, gegen den Hof, schließt der Tempel. Kleinmeisterlich vor allem seine Konstruktion, die Kellerung und die Kuppel. Der ovale Saal, dessen Bestandteile der zitierte Artikel aus der „Modezeitung" schon beschrieben hat, auf den kühlen Wechsel von Weiß und Gold gestellt, wobei das Gold dem sparsamen Empireschmuck vorbehalten bleibt. Der Raum sehr durchsichtig, aber nun wieder genau bemessen, sehr bürgerlich und gar nicht romantisch, vor allem aber weder religiös noch jüdisch. Das spricht nicht gegen Kornhäusel, sondern gegen seine Auftraggeber. Von diesem Baumeister war die Einfühlung in das jüdische Wesen, die Magie des Helldunkels und was sonst als räumliche Verwirklichung unseres Betens gelten mag, nicht zu verlangen. Vielleicht haben die Repräsentanten ihn gerade deshalb gewählt. Denn das waren nicht Männer der Dämmergefühle. Sie wollten endlich Schluß machen mit dem Osten, auch mit seiner Mystik, sie wollten ihrem rationellen Humanismus einen Tempel bauen. Das ist er auch geworden: Ein Denkmal seiner zwiespältigen Zeit, draußen und drinnen kümmerlich für den Lebenssinn unseres Volkes. Draußen — da die Juden ihre Gotteshäuser nicht an der Straße kenntlich machen durften — wie ein Zinshaus, drinnen wie ein Theater. Nur kein Tempel. Draußen und drinnen eine verschämte Bemäntelung des inneren Tatbestandes oder genauer noch: ein Mantel ohne Kern. Man wird diesen Sachverhalt auch bei Gelegenheit des Jahrhundertfestes nicht beschönigen dürfen. Im Gegenteil. Vielleicht läßt es sich nicht sinnvoller, nicht besser zum Nutzen der Gegenwart unseres Volkes feiern als durch die historische Wahrheit, durch die klare Einsicht in den Zustand jener jüdischen Gesellschaft, deren glücklicherweise vergangene Mentalität in diesem Tempel ihr längst schon lebensfremd gewordenes Monument erhalten hat.