Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 4 (1926)
- Issue
- Heft 3 (März 1926)
- Article
- Die Wiener Juden 1826 - 1926
- Date
- 1926-03-01
- Page
- Seite 148 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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148 MENORAH Schaltung dem jüdischen Leben verloren gegangen. Die neuen haben sich noch nicht konsolidiert. So wie aber aus den Wassern der Sintflut der Nachkriegsjahre die alte Wiener Kultur, wenn auch schüchtern zunächst, wieder emporstrebt, sollten auch die Juden Wiens wieder die bewährten Traditionen ihrer Gemeinschaft vor dem Kriege aufnehmen. Das Wien des Backhendl-Phäakentums, das Gapua der Geister, liegt weit hinter uns. Was aber den Wiener Juden des vergangenen Jahrhunderts kennzeichnete, war Stil, gesellschaftlicher Takt und guter Ton, bei allem Eifer im Berufs- und Erwerbsleben instinktive Wahrung persönlicher Ehrbarkeit, Rücksicht auf Familie und jüdische Schicksalsgemeinschaft, eine Politesse und tolerante Urbanität, die selbst dem Gegner gegenüber sich nicht verleugnet, gemütvolle Anhänglichkeit an die Scholle, gepaart mit Pflege der Stammestreue. Dabei beherrschte Haltung und Ablehnung anmaßenden Wesens, wie sie in der echtwienerischen Kritik über einen überheblichen, aus dem Auslande bezogenen Minister sich kundgab: „Ein gutes Geschäft, wenn man kaufen könnte für das, was er ist, und verkaufen für das, wofür er sich hält." Eine Verkörperung besten Wiener Judentums wandelte noch vor kurzem unter uns in Maximilian Steiner. Ein unermüdlicher Anreger und tatkräftiger Förderer auf den mannigfachsten Gebieten jüdischen Schaffens, ein Mann von Weitblick und jüdischer Herzenswärme, im ganzen vom Schlage Josef Wertheimers, fehlte er in seiner Bescheidenheit regelmäßig bei Eröffnung gemeinnütziger Anstalten, für deren Gründung ihm vor allem Dank gebührte. Auf dieser Höhe das Judentum Wiens zu erhalten, heißt solche Männer würdig ehren. Als Francis Drake von seiner Weltumsegelung heimkehrte, geriet sein Schiff, das Ziel vor Augen, auf eine Untiefe. „Alle Mann an Deck!" rief der tapfere Kapitän. „Wir haben doch nicht die Welt umschifft, um in einem Sumpfe zu enden!" Die Juden Wiens haben seit dem Mittelalter allen Stürmen der Zeiten, allen Ausbrüchen feindseliger Gesinnung zum Trotz das Schiff ihres Schicksals immer wieder in unserer Stadt verankert und ihren Geist mitbestimmt. Sie haben es auch sicher durch die Klippen inneren Zwistes gesteuert. Sie werden dafür sorgen, daß sie nicht in einem Sumpfe enden. „Das Wort der Toten an die Lebenden" verkündete J e 11 i n e k in seiner Festrede am 50. Geburtstage des Tempels der Inneren Stadt. Sie schließt mit dem Aufruf an die Judenheit Wiens: „Wohlan denn, sei stark und bleibe fest, lebe und strebe fort und fort in neuer, frischer Jugendkraft!"