Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 4 (1926)
- Issue
- Heft 3 (März 1926)
- Article
- Die Wiener Juden 1826 - 1926
- Date
- 1926-03-01
- Page
- Seite 135 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2912821-2912853-2912857-2917100--02886-2917188- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
DIE WIENER JUDEN 1826—1926 135 „Kaiser Fran z", sagt Grillparze r, „hatte in seiner Engherzigkeit und Gedankensteifheit beschlossen, seinen Staat von allen Neuerungen fernzuhalten. Kurzsichtig, aber in der Nähe scharf sehend, führte er zu diesem Ende einen Polizeidruck ein, der in der neueren Geschichte kaum ein Beispiel hat. So mild seine Worte waren, so wenig waren es seine Handlungen4'. Metternich, außerhalb Österreichs, wie in der Damaskus-Affäre 1840, ein Beschützer der Juden, in jüdischen Häusern, so bei seinem Bankier Salomon Herz, ein gewohnter Gast, folgte in der heimischen Judenpolitik den Intentionen seines Gebieters. Ein bekannter moderner Historiker sagt von den österreichischen Juden des Vormärz: „Schändlicher, höhnischer, niederträchtiger ist niemals verfahren worden als gegen diese Juden. Man wollte sie nicht nur physisch, man wollte sie auch moralisch zugrunde richten/' Zwei Schandmale besonders heftete man ihnen an. Schon unter Maria Theresia hatte man, um sie von weitem als Juden kenntlich zu machen, ihnen befohlen, zum Unterschiede von der herrschenden Mode, sich den Bart stehen zu lassen. Friedrich der Große hatte, als man ihm einen ähnlichen Vorschlag einer bestimmten Judenbart-Verordnung unterbreitete, ihn mit dem Randvermerk abgewiesen: „Man soll mich und den Juden ungeschoren lassen". Und wenige Jahrzehnte später fielen die bebärteten österreichischen Reisenden und Emigranten in dem glattrasierten England so unliebsam auf, daß jene landesmütterliche Verfügung der großen Kaiserin darin eine Art Vergeltung fand. Auch der alte Judenfleck feierte eine flüchtige Auferstehung. Die Einsperrung der Juden in ein neues Ghetto wurde ernstlich in Erwägung gezogen. Besonders der Salzgries kam hiefür in Betracht, der ja später tatsächlich, wenn auch in einer ganz anderen, dem Wohlstande Wiens äußerst förderlichen Weise ein Judenviertel wrerden sollte. Man begnügte sich damals mit der Beschränkung der Wohnfreiheit für die Juden auf gewisse Häuser und Quartiere. Suchte man so den Juden sozial zu erniedrigen und vom Verkehr mit der christlichen Gesellschaft auszuschließen, so demütigte man ihn durch die barbarische, mittelalterliche Form des Judeneides1). Die Judenleibmaut, mit der jeder Jude, bekanntlich auch ein Moses Mendelssohn, seinen Körper verzollen und sich dem Vieh gleichgestellt sehen mußte, wenn er nicht den „Leibzoll der Liigeu, wie R i e s s e r die Judentaufe bezeichnet, vorzog, wurde erst, gegen eine Ablösung, 1782 abgeschafft. *) Um seine Abschaffung bemühte sich u. a. Simon Lämel, dessen Tochter Elise Herz die Lämelschule in Jerusalem gründete.