Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 4 (1926)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1926)
- Article
- Unsere Mutter
- Date
- 1926-02-01
- Page
- Seite 125 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2912821-2912853-2912856-2916937--02836-2917061- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
UNSERE MUTTER 125 Hausnäherin da war, immer fleißig helfen: eine von uns nähte auf der Maschine, die anderen beiden in der Hand, so daß die Näherin wirklich nicht viel mehr zu tun hatte, als zuzuschneiden, zu heften und zu probieren. Rosa bekam das erste Kleid aus einem Salon, als sie bereits verlobt war. Als ich heiratete — mein Mann war damals erst Supplent — betonte Mutter immer wieder, die Sachen müßten alle einfach und praktisch sein; ich war natürlich mit allem einverstanden. Bei der Anschaffung der Kleider fragte mich Mutter nach meinen Wünschen; ich hatte nur einen: ich hätte gern , einen blaßblauen Schlafrock gehabt, wenn Mutter ihn nicht zu teuer fände. ,,Zu teuer durchaus nicht," erwiderte Mutter, ,,aber zu unpraktisch; blaßblau ist nicht geeignet für die Frau eines Professors, die selber in der Wirtschaft fest zugreifen muß." Ich wagte keinen Widerspruch mehr und bekam einen bordeauroten Schlafrock mit Goldstickerei, den ich scheußlich fand und nicht ausstehen konnte. Im Hause ging es immer sehr einfach zu; Näschereien gab es nicht, aber gesundes, reichliches Essen. Wir wurden fast alle im Hause getraut, und es war wunderschön, so intim und traulich. Meine Trauung fand — in der jüdischen Volksschule statt. Ein befreundeter junger Fabrikant hatte ein paar Stücke Tuch hergegeben, und damit wurden zwei große Schulzimmer weißrot drapiert, sogar eine kleine Bühne wurde errichtet; der Trauhimmel und die Saalecken waren mit grünen Blattpflanzen geschmückt; ein Harmonium war von einem befreundeten Lehrer herbeigeschafft worden, der unsern Kleinen einen mehrstimmigen Chor einstudiert hatte . . . Heute klingt mir noch das liebliche ,,0, wenn in deinem Herzen die erste Lieb* erwacht!4* in den Ohren. Im anderen Schulzimmer war die Tafel gedeckt, man spielte, schmauste, tanzte schließlich bis zum grauenden Morgen. Mutter war selig. Ein über das andere Mal sagte sie: ,,Ist das nicht tausendmal schöner als eine Trauung im Tempel und ein Diner im Hotel? Und ich hab* nicht einmal Trennungsschmerzen um dich, denn ich laß dich so ruhig ziehen, wie mit deinem Bruder Moritz.* * , »Tages Arbeit, abends Gäste**, war Mutters Grundsatz, dem sie nach Möglichkeit treublieb, und dem wir wunderschöne Abende zu danken hatten. Als wir erwachsen waren, verging kaum ein Abend, an dem wir nicht Besuch hatten. Da wurde musiziert oder vorgelesen — die andern mußten eine Handarbeit machen. Was waren das für gemütliche, wundervolle Abende! Bei der Erinnerung steigt es mir heiß in der Kehle auf. Wie war diese aufopferungsvolle Frau bemüht, uns die Erholungsstunden angenehm zu gestalten, unbekümmert um sich, die doch nach des Tages Last und Mühen so sehr der Ruhe bedurfte! In den ersten 22 Jahren ihrer Ehe hatte Mutter dreizehn Kinder geboren, zehn davon selber genährt, alle mindestens ein Jahr lang, einige sogar etwas länger. Wenn man ausrechnet, daß sie dreizehnmal neun Schwangerschaftsmonate durchzumachen hatte und zehn Jahre lang Kinder stillte, wenn man dazu nach jedem Kinde nur einen Monat Rekonvaleszenz rechnet, so wird man vielleicht eine Ahnung davon bekommen, was diese Frau geleistet hat. Das bedeutet rund zwanzig Jahre Schwangerschaft und Stillen. Dabei darf man nicht vergessen, daß damals nicht die Rede davon war, Säuglingen in regelmäßigen Abständen die Brust zu reichen oder ihnen des Nachts gar nichts zu geben. Mindestens zweimal des Nachts hatte Mutter mit dem jeweiligen Säugling zu tun. Sie hatte nie eine Kinderfrau! Sie hätte nie ein Kind einem Dienstboten überlassen, es wäre denn einer Amme, wie die letzten drei. Und sie hätte niemals des Nachts ein Mädchen zu den Kindern geweckt; sie erklärte immer, Leute, die so schwer arbeiteten, müßten vor allem unbedingt des Nachts ungestörte Ruhe haben. Wir großen Mädel protestierten dagegen: warum sie sich dann keine Ruhe vergönne, sie sei doch auch so gut wie ein' Dienstmädchen? Da lächelte sie fein und antwortete: ,,Es sind aber meine Kinder, das ist der ganze Unterschied/* (Forts, -folgt.) ANNA ZAHLER, geb. KAMINER ABE ZAHLER V E R M Ä II LT E New York, 18. Oktober 1925