Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 4 (1926)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1926)
- Article
- Jean Paul und das althebräische Schrifttum
- Date
- 1926-02-01
- Page
- Seite 120 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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120 MENORAH Jean Paul zitiert viel, aus allen möglichen Schriften auf allen möglichen Wissensgebieten, und es versteht sich geradezu von selbst, daß er, der ehemalige Theologe, der fleißig Hebräisch trieb, auch das althebräische Schriftturn nicht ganz vernachlässigte. Zuweilen aber griff er bloß aus diesen alten Schriftwerken einen Gedanken auf und bearbeitete ihn auf seine Weise. Wer kennt nicht den köstlichen Brief Leibgebers an seinen Freund und Doppelgänger und einstigen Namensvetter, den Armenadvokaten Siebenkäs 1 In diesem Brief wandert Leibgeber zurück in die Urschöpfungstage und er fühlt sich mit einemmal als ersten Menschen, als Adam im Paradiese. Als erster Mann, dem die Eva aus seiner Rippe geschnitten wurde, wirft er einen Blick in die Zeiten der Zukunft und läßt die kommenden Geschlechter an sich vorüberziehen, um zu ergründen, ob es sich verlohne, die Erde zu besamen. Adam sieht die regierenden Häupter, die er alle zeugen kann, wenn er will, er sieht die Männer der philosophischen Fakultäten, die I.andesdeputierten, ferner Dompröbste, Senioren, Zivilisten, Kriminalisten, Publizisten, er sieht Pariser, Wiener, Leipziger, Dubliner, Kuhschnappler, und — ihm vergeht die Lust, die Erde zu besamen. Bald jedoch ändert sich das Bild: die heidnischen Evangelisten kommen zum Vorschein, Sokrates, Cato, Epiktet, Antonin, ihnen folgen die Ahnherren der Weisheit und der Dichtkunst, Aristoteles, Plato, Shakespeare, Newton, Rousseau, Goethe, Kant — und Adam freut sich, der Urpapa solcher vortrefflichen Leute zu werden. Friedrich Schlegel meinte mit Recht, daß Jean Paul schon durch diesen Brief den Namen eines großen Dichters verdiene. Um so interessanter dürfte der Hinweis sein, daß der Gedanke einer Vorschau Adams in den Schoß der Zeiten doch eigentlich recht alt ist; er findet sich bereits im Talmud. Im Traktat Aboda Sara, 5 a, heißt es wörtlich: „Der Heilige, gelobt sei er, ließ den Adam (im Paradiese) die kommenden Geschlechter der Menschheit schauen, jedes Geschlecht und seine Forscher, jedes Geschlecht und seine Weisen." Bei Jean Pauls Belesenheit, auch im althebräischen Schrifttum (das er wohl zum größten Teil in Übersetzungen las), ist die Annahme wohl berechtigt, daß ihm auch dieser talmudische Ausspruch bekannt war. Es ist nicht gut möglich, im Rahmen eines Artikels alle biblischen und rabbinischen Wendungen und Aussprüche anzuführen, die in den Werken Jean Pauls verstreut sind. Das eine steht fest: Mag auch das Maß seiner althebräischen Kenntnisse nicht gerade vollgerüttelt gewesen sein, immerhin war es beträchtlich genug, daß es sich verlohnen würde, darüber eine Dissertation zu schreiben.