Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 4 (1926)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1926)
- Article
- Telschi
- Date
- 1926-02-01
- Page
- Seite 116 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2912821-2912853-2912856-2916930--02817-2917052- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
116 MENORAH Wenn wir so beieinander waren, kam manchmal unser Wirt zu uns. Itze, der Rejte, ein Fleischer, hoher Siebziger: Wißt ihr, was ich heute abgespart habe? 75 Kopeken. Für Erez Israel. — Die Anzahl derer aber, denen es wirklich gelingt, den Wunsch Tat werden zu lassen, besonders unter den Bachurini, ist sehr gering. Geht er aber dann doch fort, nach langem Sehnen und Bangen, dann gibt es einen Abschied, der es vielleicht verdient, besonders geschildert zu werden. Es wird am Abend vor der Abfahrt ein ,,Bankett'* gegeben. Man kauft beim Popen — die Jeschiwah kauft Obst von immer - her dort — Äpfel, borgt aus der Umgebung einige Schnapsgläser, erwirbt ein Fläschchen Likör und lädt dazu zirka 40 Freunde ein, die sich ihren Stuhl selbst mitzubringen haben. Wenn man sich versammelt hat und das Häufchen Äpfel auf dem Tisch verschwunden ist, fängt einer an, wie zufällig eine Melodie zu brummen, darauf haben die andern nur gewartet. Man bittet ihn etwas lauter zu singen, jener ziert sich nicht und schon hört man einen Nigun von einer Stimme gesungen, von zwei, drei begleitet. Bald singen alle mit. Etwas Schwermütiges mischt sich dann hinein, etwas von dem Singen an den Wiegen jüdischer Kinder; und es wird stärker und lauter, füllt das Zimmer, dringt in die Gasse. Da unterbricht einer; er will sprechen. Sprechen von dem „Aufsteigen ins Land", zum Scheidenden, zu den anderen. Von der Liebe redet er und von der Sehnsucht; von dem Dortsein, dem Dortleben. Sätze, die inmitten abbrechen, die von einer Handbewegung, einem Blick der Augen ergänzt werden, die das verstehende Schweigen der Freunde vervollständigt. Dann hält ein anderer eine wohlgesetzte Rede in reinem Hebräisch, noch einer steht auf, scheint etwas noch nicht Gesagtes sagen zu wollen. Die Worte fehlen. Dann anwortet der Scheidende, daß er sie alle mitnehmen werde, die ungesprochenen Worte, versichert er. Daß sie die Bausteine sind im großen Gebäude des Volkes. Dann wieder Lied. Doch fröhlicher wird nun gesungen; gleichsam jünger. Melodien der Chaluzim. Am anderen Morgen stehen alle auf dem Marktplatz. Der „Hinaufsteigende" verabschiedet sich von den Genossen. Dann folgt man seiner Bauernfuhre, ruft ihm noch etwas zu, dann mehrmaliges Küssen. Und während der Wagen die Landstraße hinunterfährt, ruft man ihm nach: Wir kommen bald. „Und übrigens", wendet einer sich zu mir, „wie lange kann's in der Tat noch dauern? Höchstens drei Wochen. Mehr gewiß nicht. Dann sind wir auch dort." Und nach einer Weile: „Drei Wochen . . . doch noch eine lange Zeit."