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Menorah · 1926-02-01 · Heft 2 (Februar 1926) · p. Seite 96

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
4 (1926)
Issue
Heft 2 (Februar 1926)
Article
Ein Waisendorf in Palästina
Date
1926-02-01
Page
Seite 96 (sequence 4)
Language
German
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96 MENORAH gar nichts, um die Waisen daran zu erinnern, daß sie, die unschuldigen Opfer des Weltkrieges, zertreten worden wären, wie Maikäfer nach einem Wolkenbruch, wenn nicht fromme Herzen sie aufgelesen hätten; es ist nichts in ihrer Erziehung, was sie, die Enterbten und Weggeworfenen des Lebens, Dankbarkeit und Demut gegenüber den Reichen und Gehegten lehren könnte. Das tägliche Früh-, Tisch- und Abendgebet, das sie alle sehr gut verstehen, weil es ihre Sprache spricht, das Hebräische, weiß nichts von Dank und Demut Menschen gegenüber: das sind sie nur Gott schuldig, der nicht schläft und nicht schlummert, der Hüter Israels. Die Waisen von Schefeja tragen auch nicht das Demutskleid der Armut und Erniedrigung, die Uniform, die anderswo manches feinfühlige Kind wie ein Brandmal fürs ganze Leben versehrt. Die Haltung der Mädchen ist frei, aufrecht, fast stolz; ich habe, während mich die Vorsteherin durch die verschiedenen Gebäude, durch den Garten und den herrlichen Kiefernwald führte, freundliche „Schalom"-Grüße gehört, aber nie einen Bückling oder einen Kratzfuß gesehen. Diese Haltung ist den Besucherinnen aus Europa und Amerika so schwer faßlich. „Was soll denn aus diesen Mädchen werden?" Die entrüstete Frage wird von diesen Damen in einem Tone gestellt, der das ganze Erziehungssystem von Schefeja verdammt. Ganz mit Unrecht. Gewiß, die Waisen von Schefeja sollen, wenn sie das Heim verlassen, den Hausfrauen von Palästina als „Gehilfinnen" zur Seite stehen, altmodisch gesagt, „Dienstboten" werden. Aber die Damen aus Europa und Amerika sollen einmal einen jüdischen Haushalt in irgend einer Siedlung beobachten, und sie werden sehen, was ,,Dienstbote" in Palästina bedeutet. Eine Waise von Schefeja, die zum Beispiel nach Benjamina als Dienstbote käme, hätte nicht ein Jota von ihrer aufrechten Haltung aufzugeben, denn dort — ich schildere, was ich mit eigenen Augen gesehen habe — werden die „Dienstboten" wie Mitglieder der Familie behandelt: sie essen am selben Tisch, sie nehmen unbefangen Teil an jedem Gespräch, sie sind mit dem Herrn und der Frau auf du und du. Das ist auch ganz natürlich, denn der Dienstbote von heute ist morgen eigene Herrin. Ein Dienstbote, wie er in Schefeja trainiert wird, macht in dieser Stellung nur eine ganz kurze Probezeit mit; die Junggesellen unter den Siedlern wissen, daß die Waise von Schefeja jene ideale Bäuerin gibt, die in Palästina bis jetzt nicht vorhanden war, die „wackere Frau" aus den Sprüchen Salomonis, die für den Aufbau des Landes mehr bedeutet als Gymnasium und Universität.

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