Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 4 (1926)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1926)
- Article
- Ein Waisendorf in Palästina
- Date
- 1926-02-01
- Page
- Seite 94 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2912821-2912853-2912856-2916922--02783-2917030- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
94 MENORAH Ukraine, begleitet. Abenteuer gab es keine, aber eine alte Erfahrung verdichtete sich mir zum Satz: Fremden Boden lernt man nur auf eigenen Sohlen kennen. Was aus der Ferne wie unfruchtbarer Fels erschien, das ist in Wahrheit humusreicher Boden, der noch vor kurzem einen mächtigen Eichenwald trug und nach Aufforstung schreit. Und der Schrei verhallt nicht ungehört. Jüdische Arbeit und Ausdauer hat bereits einen großen Teil der verwüsteten Gegend mit neuen Kulturen bedeckt: Sichron Jakob, Schefeja und Bath Schelomo heißen die an Alter, Umfang und Wesensart freilich grundverschiedenen Siedelungen, die das Werk der Verjüngung und Lebenserneuerung auf den verkarsteten Bergen besorgen. Wie ich den Reitpfad zwischen den einstigen Eichenwäldern verlasse, liegt ein Bergkegel vor mir: seine Seiten sind spärlich mit Buschwerk und vereinzelten Bäumen bewachsen, die Höhe ist mit einer Anzahl von wohlerhaltenen Gebäuden gekrönt. Das ist Schefeja, eine alte Baron Edmund Rothschild-Kolonie, die im Begriffe war, den Kampf mit dem Gestein und der Einsamkeit aufzugeben, als der Scharfblick amerikanischer Juden herausfand, daß der Ort geradezu ideale Eignung für ein Erziehungsheim besitzt. Und amerikanischer Tatkraft haben die hundert Waisenkinder ihre Unterkunft auf dem Bergkegel zu verdanken. Die verantwortliche Leiterin zeigte mir die Räume der Kinder mit ihren praktischen Einrichtungen — alles einfach, aber mit größter Sorgfalt durchdacht, fachmännisch geplant. Goldrein, blütenweiß die Betten; frische Höhenluft streicht Tag und Nacht durch die Zimmer. Sogar die Örtlichkeiten, die man anstandshalber nicht nennt, bewunderungswürdig gehalten; mit dem in Palästina so kostbaren Wasser wird nicht gespart. In Benjamina erzählt man etwas boshaft, eine wohlhabende Dame habe nach der Besichtigung des Waisenhauses empört ausgerufen: ,,Das, ein Waisenhaus? Da könnte ich ja meine eigenen Kinder erziehen lassen!" Abgesehen von der Empörung bin ich mit der Dame ganz einverstanden. Wie heilsam wäre es für die Töchter der Reichen, der Verwöhnung und Verweichlichung des elterlichen Heims entrückt und in diese Atmosphäre der Selbstversorgung und erzwungenen Selbständigkeit versetzt zu werden! Die siebzig Mädchen von Schefeja — es ist Platz für hundert; augenblicklich sind dreißig Betten von Knaben belegt! — machen ihre Betten, reinigen die Zimmer, besorgen die Wäsche, flicken und nähen (das Surren der Singer- Maschinen begleitet mich durch alle Gänge), bebauen den Garten, füttern und melken, striegeln und scheuern, kochen und backen. Ich aß mit ihnen zu Mittag. Nicht nur sämtliche Lehrer und Lehrerinnen