Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 4 (1926)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1926)
- Article
- Rahel Szalit
- Date
- 1926-02-01
- Page
- Seite 88 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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88 MENORAH besken buchschmückerisch an der Dichtung vorbeigeht, noch der Leserphantasie durch zu konkrete und zu ausführliche Bildübertragung des Erzählten oder durch den Text nahezu ausschaltendes zeichnerisches Übermaß vorgreift. So bewegen sich ihre Illustrationen auf der Linie der Zustimmung; sie machen sich ein kontinuierliches Bild von der Geschichte, ohne sich überbieterisch vor die unzulängliche Vision zu drängen und gelangen anderseits zu einer zwar funktionell gebundenen, doch vermöge der Intensität des Nacherlebnisses erzählerisch autonomen Bildform." Um von dem künstlerisch allgemeinen zurückzukommen auf den besonderen Fall der Darstellung des jüdischen Schicksals. Das können nicht nur Gesichte der ostjüdischen Jugendzeit sein, die sich aus der Erinnerung abblättern! Dazu gehört eine besondere, tausendjährige Gärung des Blutes, um so zu krystallisieren. Es gibt außer ihr noch eine Künstlerin, die das soziale Moment zu gestalten weiß: die Kollwitz. Aber was sagen uns diese meisterhaft dargestellten Elendsgestalten mehr, als daß Elend da ist? Gewiß, die unheimlichen Schwangeren der Kollwitz rütteln an den Gitterstäben unseres Gewissens, ihre unterernähiien Kinderärmchen langen tief in unsere Träume. Aber Seele, wo ist Seele? Das ist wahrscheinlich die Kluft zwischen dem sicheren, routinierten Schwung der Kollwitz und dem leidenschaftlichen Reißen der Szalitschen Hand. Jene konstatiert, weist einen Zustand, diese aber läßt ihre Menschen und Dinge aufschreien, dulden, hinweinen, lachen, vergehen . . . Deshalb wäre es irrig, die Szalit als eine Darstellerin der jüdischen Groteske im gewöhnlichen Sinne anzusehen. Wenn in ihrem Werk der Zug des Grotesken stark aufscheint, so liegt es nicht an der Künstlerin, sondern am Objekt, am Judentum. Grotesk ist sein Schicksal, grotesk müssen die Runen also sein, die das Schicksal ihm ins Antlitz gegraben hat. Der Druck der Knechtung hat den jüdischen Rhythmus in die Vertikale gepreßt, in eine krampfende Hingerissenheit nach oben, zu Gott, der seine Kinder aus allem Übel des Gallith erlöst. Rahel Szalit ist bei all ihrem magisch anmutenden Wissen und bei all ihrem Können ein junger Mensch von unbändiger Lebenskraft, überschäumender Phantasie und unerschöpflichem Ideenreichtum; beweglich und eingestellt auf alles sich Entwickelnde im Ablauf des Geschehens, es mitfühlend, mitgestaltend und so auf ununterbrochen ansteigendem Wege zu immer höherer Meisterschaft, von der wir mit Freude immer Größeres erwarten dürfen. Walter Kanders.