Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 4 (1926)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1926)
- Article
- Rahel Szalit
- Date
- 1926-02-01
- Page
- Seite 87 (sequence 1)
- Language
- German
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Rahel Szalit Jenseits von olympischer Höhe, Formbändigung und Abgeklärtheil: steht jenes Künstlertum, welches mit ungeheurer, brennender Leidenschaft sein Dasein und sein Schaü'en erfüllt; dem Dasein und Schaden eins sind, das mit jedem Auf und Nieder des Atems empfängt und gebiert, das noch Formlose an sich zieht und fiebernd gestaltet. Alle Winkel und Falten des amorphen künstlerischen Wesens sind von diesem immerwährenden Prozeß der Befruchtung, des Wachstums, Reifens und Abgestoßenwerdens erfüllt, im Wachsein wie im Traume kochen die Säfte bis in die letzten Verästelungen des seltsamen Mutterbodens, dieser pulsierenden Insel, die im Leben wie in einer Nährlösung schwimmt. Es gibt nichts im Leben einer solchen Persönlichkeit, was sich dem Zugriff ihres Erlebens zu entziehen vermag. Sie reißt an sich und schaßt unbekümmert rücksichtslos, vehement, mit der Urkraft des göttlichen Wortes, das ihre Sendung wollte und ihre Eignung nach seinem schöpferischen Ebenbilde schuf. Dies ist das Bildnis des wirklich schöpferischen Menschen, gesellen an Rahel Szalit, deren Größe in der jüdischen Kunst und in der ganzen Kunst der Gegenwart hier gewertet werden soli. Überflüssig zu bemerken, daß dieser Kunst nichts vom Geschlechte anhaftet. Wirkliches Gestalten ist nie männlich noch weiblich, sondern mütterlich schlechthin, mütterlich bis zur vollendeten Geburt. Wenn man die Blätter der Szalit betrachtet, so verschwindet hinter dem Eindruck der Gedanke an den Urheber. Wie sie selbst das Objekt anzuspringen, zu umklammern scheint, so umklammert den Beschauer die innere Spannung, Bewegtheit, Dramatik des Bildes. Es ist immer ein Augenblick erfaßt, der für das Dargestellte unendlich charakteristisch ist, deshalb aber nicht nur eine Seite seines Wesens zeigt, sondern das ganze Wesen von diesem kristallenen Augenblicke ausstrahlend. Unendliche Güte, Verklärung, Ruhen in Gott strömt \on den Lippen des Großen Rabbi, strahlend sind alle Pforten seines Wesens geöffnet, sein Blick ist das Licht der Liebe, sein Ganzes göttliche Gelassenheit. Die Aufzählung erfordert mehr Striche als die meisterhafte Bildformel. Zu den interessantesten Seiten dieser künstlerischen Persönlichkeit gehört ihr Verhalten zur gebundenen Aufgabe der Illustration. Sie ordnet sich hier dem Zwecke nicht unter, sondern ein. „Ihrer illustrativen Beziehung zur gegebenen Materie ist eigentümlich." sagt Willi Wolfradt, „daß sie weder in unbekümmerten Ära-