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Menorah · 1926-02-01 · Heft 2 (Februar 1926) · p. Seite 77

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
4 (1926)
Issue
Heft 2 (Februar 1926)
Article
Die Steiger-Affäre
Date
1926-02-01
Page
Seite 77 (sequence 5)
Language
German
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DIE STEIGER-AFFÄRE 77 Sechzehn Monate dauerte dieser Kampf um Wahrheit und Gerechtigkeit. In dem letzten Stadium desselben stellte sich die polnische Liga für Menschenrechte, mit ihrem Präsidenten Smiarowski an der Spitze, sowie die polnische Sozialistenpartei an unsere Seite. Die Warschauer Behörden waren von dem, was in Lemberg gegen Steiger und die Juden getrieben wurde, gar nicht entzückt und wünschten, daß diesem Justizskandal je rascher ein Ende gemacht werde. Nach 16 Monaten also — wie es in Jugendromanen heißt — siegte die Unschuld, die Wahrheit kam zutage, die Bösewichte wurden entlarvt. Aber um welchen Preis! Eine ganze Reibe von Existenzen — Juden und auch Nichtjuden -— wurde ökonomisch oder moralisch zugrunde gerichtet. Die Wunden, die dem Lemberger Judentum im Jahre 1918 geschlagen wurden ~- und kaum zu vernarben begannen sind brutal aufgerissen worden, das sich langsam einstellende Einvernehmen zwischen der polnischen und jüdischen Bevölkerung wurde erschüttert, zugleich wurden die Ukrainer gegen die Juden aufgereizt. Und dies alles weshalb? Weil einige schuldhafte Beamte ihre Karriere reiten wollten. Wie war dies möglich? Die Erklärung liegt einfach in der altbewährten Taktik, die wir während der Dreyfus-Affäre sahen, jetzt wieder in Ungarn bei der Fälscheraffäre und auch sonst überall, wo Missetäter, Fälscher oder Betrüger ihre Machenschaften zu verdecken suchen, indem sie dieselben mit dem Mäntelchen von Patriotismus umhüllen und die öffentliche Meinung durch eine antisemitische Hetze auf eine falsche Spur zu leiten suchen. In den Tiefen des Meeres lebt ein Tier, der Tintenfisch, welches beim Herannahen der Gefahr oder bei Vornahme eines Angriffes eine dunkle Flüssigkeit ausspritzt und ringsum das Wasser trübt, um sich die Flucht oder den Angriff zu erleichtern. Die Tintenfische des Öffentlichen Lebens ahmen diesen Vorgang nach, sie strömen antisemitisches Gift aus, verdunkeln die Tatsachen und fischen dann im Trüben. Die ,,Judenprozesse" der letzten hundert Jahre sind nicht nur zur Rettung der einzelnen, unschuldig verfolgten Juden geführt worden. In diesen Kämpfen ums Recht wurde Klärung herbeigeführt, die in den Schlupfwinkeln versteckten Tintenfische entlarvt und die Wässer des öffentlichen Lebens entgiftet und gereinigt. Hoffen wir, daß auch der Steiger-Prozeß von solchen segensreichen Folgen für das öffentliche Leben in Polen begleitet sein wird.

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