Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 4 (1926)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1926)
- Article
- Die Steiger-Affäre
- Date
- 1926-02-01
- Page
- Seite 76 (sequence 4)
- Language
- German
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76 MENORAH tendenziöse Einseitigkeit, hat sogar im polnischen Senat und im Sejm mehrmals von Seiten der polnischen Linksparteien eine strenge Verurteilung erfahren. Während die Hetzblätter ruhig ihre Brunnenvergiftung fortsetzen durften, wurde jede objektive Nachricht, die für Steiger günstig war, jede Meldung über den wirklichen Täter Olschanski unbarmherzig konfisziert. Malina scheute sich sogar nicht, eine offiziöse Nachricht des Pressebureaus des Ministerpräsidenten, welche Olschanski betraf, zu konfiszieren. Der Lemberger Polizeiapparat arbeitete indessen auch während der Gerichtsverhandlung unermüdlich fort — immer einseitig, nur um recht viel Belastungsmaterial gegen Steiger aufzustapeln. Zeugen wurden sogar aus Wien importiert, Konfidenten wurden mobilisiert, unschuldige Schokoladeverkäufer zu Mitschuldigen und Bombenwerfern gestempelt. Durch die Hetzpresse wurden zugleich die unglaublichen Märchen verbreitet, „die Juden" hätten 100.000 Dollar gesammelt, um das Gericht und die Geschworenen zu bestechen, sie hätten den Olschanski „gekauft", damit er sich zur Täterschaft bekenne. Kurz der Lügen- und Hetzapparat arbeitete kräftig und präzis unter dem Schutze der zwei mächtigen Faktoren: des Polizeiinspektors Lukomski und des Oberstaatsanwaltes Malina. Und trotz dieses gewaltigen Druckes erwies sich das Entlastungsmaterial denn doch als so überwältigend, daß die Geschworenen, in ihrer Mehrheit Intelligenzler, dem Terror widerstanden und den Mut fanden, ihrer Überzeugung Ausdruck zu verleihen und Steiger freizusprechen. Sie lehnten sich auf gegen den Chauvinismus und die antisemitische Hetze und haben dadurch den Glauben an die Objektivität im polnischen Justizwesen neu gestärkt. Auch sie hatten schwere Tage zu bestehen. Verdächtigungen wurden ihnen entgegengeschleudert, sie wurden auf antisemitischen Versammlungen verhöhnt und direkt zu Verrätern gestempelt. Denn auch schon nach dem Freispruch gab die antijüdische Maffia nicht nach; sie organisierte Versammlungen und Demonstrationen unter freiem Himmel, wo irregeführte und verhetzte Studenten sich hinreißen ließen, Hochrufe auf Lukomski, ja sogar auf den berüchtigten Kajdan zu erheben, die Balleteuse Pasternak im Triumphe durch die Straßen zu tragen und gegen die Verteidiger Drohungen auszustoßen und vor ihren Wohnungen zu demonstrieren. Die schmutzigen Wellen des Hasses beruhigten sich nur langsam .. .