Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 4 (1926)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1926)
- Article
- Vier Palästina-Bücher [Rezension]
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 58 (sequence 2)
- Language
- German
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58 MENORAH begeistern wollen, die ganz nüchtern, wissenschaftlich von Tatsachen und Problemen sprechen und durch ihre Nüchternheit und Gegenständlichkeit vielleicht geeigneter sind, wertvolle Menschen zu gewinnen, als jene ethisch-metaphysische Propagandaliteratur — womit aber auch nichts gegen diese gesagt sein soll. Die politische Darstellung (schlechthin) der „Near East"-Politik Englands in deutscher Sprache ist Wolfgang Weisls: „D e r K a m p f u m d a s Heilige L a n d". (Ullstein, Berlin.) Es gibt unter wenigen nur ein Werk des letzten Jahres, in dem ebenso konstruktiv und lebendig eine historische Periode erlaßt und dargestellt wurde. Theodor Wolfis: Vorspiel. So wie dieses unter den politisch-historischen Neuerscheinungen eine einzigartige Stellung einnimmt, sollte auch Weisls Buch, trotz mancher Fehler gleich hoch gewerlct werden. Denn nur von den oberflächlichen Lesern wird Weisl als der amüsante Plauderer geschätzt werden. Wir aber sehen hier eine neuartige Erscheinung: ein Lehrbuch für politische Bildung der Zionisten. Daß dieses Lehrbuch nicht trocken geschrieben ist, daß es geistvoll, mit einigen ironischen Worten eine ganze Situation blitzartig beleuchtet und den Leser bis zur letzten Seile gefangen hält, ist nicht zu seinem Nachteil. Weisls Buch uml'alH zwei Teile, von denen uns der erste der wertvollere scheint. Denn hier gibt Weisl eine Darstellung der englisch-arabisch-jüdischen Politik. Durch seine Besuche bei König Hussein kennt Weisl die Verhältnisse und Anschauungen der maßgebenden arabischen Kreise eingehend, er weiß die Fragen des Kalifats einzuordnen in ein politisches System, er weiß, wie der Arzt, jede Teniperaturdifferenz, jede Veränderung des Pulses entsprechend zu beobachten, zu werten. Er stellt eine tadellose Diagnose (fraglich nur, ob seine Therapie die richtige ist; doch darauf kommt es h i e r nicht an). Ergänzt wird diese Darstellung durch einen reichhaltigen dokumenlenrcichen und statistischen Anhang, der fast alle völkerrechtlichen, auf Palästina bezüglichen Dokumente enthält. Im zweiten Teil ist eine Anzahl Feuilletons zusammengestellt, die quasi als Illustration für den ersten dienen können. Jedes Feuilleton ist aber immer — charakteristisch für Weisl — ein diplomatischer Bericht. Und hier zeigt sich auch Weisls eigentlichstes Wesen, er ist der geborene Diplomat. Unter seiner Feder gestaltet sich das kleinste Ereignis zum Aktenstück; wie die Eisenspäne um die Pole des Magneten, so gruppieren sich bei Weisl Mensehen und Geschehnisse um die Pole des magnetischen Kraftfeldes „Near Fast", des Kraftfeldes, das unbarmherzig jeden mit sich reißt, und ihm nur die Wahl läßt: Pro — oder iinli England. Und an einem Pole verankert, doch das ganze Kraftfeld mit seinen vielfach verschlungenen Linien klar gesehen und gezeichnet zu haben, ist Weisls großes Verdienst. Ganz anders, und dennoch nahe verwandt, ist Arthur Ruppins: „Die 1 a n d- "w i r l s c h a tili e h e K o 1 o n i s a l i o n d e r z i o n i s t i s c h e n O r g a n i .s a t i o n in P a 1 ä s l i n a." (Verlag „Aufbau1'', Berlin W. 15). Anders schon der Autor in seiner politischen Haltung, in seiner Stellung zur Araberfrage, in seinem ganzen Stil. Nahe verwandt, denn auch hier jene konstruktive Darstellung, die aus Daten und Zahlen und Tabellen und Problemen ein geschlossenes, ganzes einheitliches Bild entwirft. Ein Buch, das dem gewöhnlichen Durchschnittsleser eine nicht sehr unterhaltsame „Fachliteratur" sein mag, das aber dem interessierten Leser wie (»in Epos erscheint. Ruppin. der von ihren ersten Anfängen an die zionistische Kolonisation siebzehn Jahre hindurch geleilet hat. schildert hier die Situation des Kolonisa lionswerkes mit all seinen Problemen. Er legt die historische Entwicklung bis heute dar, lehnt aber eine Prophezeiung für die Zukunft ab. So stellt er Kwuzah und Moschaw einander gegenüber, entscheidet sich aber nicht für diese oder jene Form. Denn für Palästina gilt, wie ein bekannter Wiener Nationalökonom meinte, keine Nalionalöko-