Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 4 (1926)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1926)
- Article
- Telschi
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 40 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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40 M E N O R A II Manchmal bildet sich auch in den Bankreihen eine Gruppe um einen Älteren herum; meist ist der Iluj, das Genie der Jeschiwah, der Mittelpunkt. Er erklärt, fragt, antwortet, alles in einem. Unterbricht ihn ein Zuhörer, so hört er die Einwürfe kaum an und die übrigen sind unwillig über jede Störung, die seine Rede erfährt. Die Augen der Umstehenden weiten sich, die jüngeren stehen mit halboffenem Mund, die Blicke spitzen sich auf den Finger des Sprechenden, und der tanzt, immer heftiger, gleichsam nachdrücklicher, überzeugender, spannender — bis zum Höhepunkt — ein Schlag mit der Hand, der Iluj schweigt, die Spannung hat sich entladen, die Gesichter sind von einer Befriedigung Übergossen — die Kaschje1) ist beantwortet. AM diese Unvermitteltheit der Zusammenarbeit, dies Lernen von nahezu dreihundert jungen Menschen in einem Raum, keiner dem Nachbar im Wege, scheinbar jeder für sich und doch ein Ganzes, lebendiger Rhythmus eines Körpers, das ist die ureigentliche Wesenheit der Jeschiwah. So, doch lebendiger als es Worte zu sagen vermögen, tausendmal lebendiger als es im Augenblicksbild festgehalten werden kann, sieht die Gesamtszene wohl aus. Und in der Tat, welche Feder vermöchte diese Melodie, in die seit Jahrhunderten alles Sehnen und Bangen, alle Erwartungsbeklemmung und alle Erfüllurrgsfreude, alle Notschreie, alle Seufzer von Juden eingeschlossen wurden, zu zeichnen? Wer wollte es beschreiben, wie all das wieder lebendig wird in den schwarzen Augen jener sehnsüchtigen Knabenzüge? Und das mächtige Rauschen, das sommers durch geöffnete Fenster dringt und sich winternachts in die Gasse stiehlt, aus dem Brocken uns entgegenklingen, die so leer werden in der Beschreibung und doch des Inhaltes so voll sind? . . . ,,Tanu Rabbanan", haben die Rabbinen gelehrt, läßt sichs wohl damit übersetzen? Gegen Abend wird dann das Schwirren der Stimmen, das oft zum Brausen angewachsen ist, durch einen merkwürdig anmutenden Vorgang abgelöst. Zu bestimmter Zeit werden auf dem Mitteltisch, der Bimah, moralphilosophische Bücher aufgelegt. Die Bachurim unterbrechen ihr Lernen, holen sich eines dieser Werke — und der Disput hat aufgehört, alles was das Zeichen lebendig schwingender Arbeitsgemeinschaft war, verschwindet. Sanfte Stille hat sich über die Gesichter gelegt. Leises verhaltenes Summen klingt von hier und dort. Jetzt gilt es kein quantitativ reiches Lernen, nur Selbstrechenschaft fordern diese Minuten. Das Sinnen tut sich ein in Dinge des Herzens *) Frage.