Mannheim
Compact Memory

Menorah · 1926-01-01 · Heft 1 (Januar 1926) · p. Seite 36

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
4 (1926)
Issue
Heft 1 (Januar 1926)
Article
Die Bestattung des Zedekia, letzten Königs der Juden
Date
1926-01-01
Page
Seite 36 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2912821-2912853-2912855-2916739--02651-2916844
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

36 MENORAH Gottes Gnade, ihm zu leuchten. Erbarmen, ihn zu decken. Milde, ihn einzuschläfern und ihn satt zu machen, ihn mit Frieden zu tränken. Vergeben Gottes soll an seinem Lager wachen, der Unnennbare wird ihn nochmals krönen und dem Blinden ewiges Licht geben." Noch einmal beugen sie sich über ihn. Die Häupter der Trauernden vereinen sich über seiner flach ausgebreiteten, ausgeatmeten Erscheinung, sie bergen das Geheimnis vor der Menge der Fremden, sie huldigen ihm inmitten der Feinde. Denn unter Feinde hat sie dieser ihr blinder König geführt, aber ihre Treue wird die seligen Tage von einst nicht vergessen. Denn in seine rechte verödete Augenhöhle setzen sie den letzten Rest aus Salomos herrlichen Schätzen, den unbezahlbaren, reinen Smaragd, der hell unter den weißen Augenbrauen des Toten funkelt „Weinet nicht über ihn!" Auf das linke Augenlicht geben sie ihm ein Stück trockener Erde von Jerusalems heiliger Krume. „Grämet euch nicht über ihn!" Zwischen die hohen schönen Zähne schmiegen sie ein Blatt, ein gedörrtes, silbergraues, gepflückt im letzten Vorüberwandern von Judas unvergessenen Hügeln. „So gehe in Frieden, seine Gnade leuchte über dir!" In den ersten Tagen des Frühlings ist Jerusalem gefallen, in der Blüte der grauen Bergakazien zerstört. Könige und Königsbrüder und Königssöhne sind hinweggeführt, gebunden, gefangen, geblendet, verflucht. Im zehnten Jahr der Gefangenschaft ist Daniel geboren. Er erbt kein Erbe, seine Blöße deckt kein Kleid. Im zehnten Jahr der Gefangenschaft ist Zedekia gestorben, in der Nacht, im feuchten Nebel, in der Höhle, nahe den Ställen, wo Schlangen hausten und Nattern ihre Liegestätte bauten. Zum höchsten Kaiser wird Jojakim gerufen. Über Zedekias Grab wird die Erde geglättet, Pferde und Elefanten schreiten schwer und stampfen die Erde ohne Mühe fest und die Diener treten auf die Krume wie über einen gebahnten Weg. Es löst sich in Frieden. Die alten Getreuen zerstreuen sich, die Diener gehen an ihre Arbeit im Palaste, die Kinder an ihre Spiele, die Jünglinge zurück in die Aufsicht der Haushofmeister, Weinschenken und Speisen träger, Düftebereiter und Sendboten, die Männer beugen sich weiter in ihre Sklaverei. Man kennt ihre alten Namen nicht und ruft sie mit fremden neuen Worten. Die Alten horchen nicht auf. Sie werden von keinem gerufen. Sie verkriechen sich in die Winkel der Stadt, wo sie unter Fremden freudenlos leben und sterben.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.