Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 4 (1926)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1926)
- Article
- Der Fall Abel Pann
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 31 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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DER FALL ABEL PANN 81 auf ein Blätterpaar vom gleichen Stoffe, auf das „Opfer Abrahams" von Rembrandt und Abel Pann, läßt das erkennen. Bei Rembrandt ist es ein inwendiges Geschehnis. Wie der rüstige, standfeste Patriarch mit den leidensvollen Augenhöhlen, den eingefallenen Schläfen und dem verzerrten Mund, die Hand um den Kopf seines Sohnes, von dem niederschwebenden Engel zurückgerissen wird, wie mit dem beklemmend getürmten Waldberg und dem durchstrahlten Wolkendampf Erde und Himmel daran teilnehmen, das ist Zusammenbruch einer barbarischen Welt, Aufstieg einer gesitteten, ist ein Denkmal der Vaterliebe und Gottesfurcht, ist wahrhafte übermächtige Bibelkunst. Bei Pann wird selbst das nur eine äußere Sensation. Nicht erschüttert und nicht erschütternd, sondern weit eher gefällig. Auf Wirkung bedacht und so auch wirksam. Freilich nicht für die Dauer. Denn auf die Dauer wirken in der Kunst nur die Werke der Gestaltung. Die Erzeugnisse des Geschmacks kommen und gehen. Das Werk Abel Panns wird vorübergehen. Schon ein nächstes Geschlecht wird es kaum mehr verstehen. Denn es ist ein Erzeugnis des Geschmacks. Dem Künstler fehlt nicht das brillante Können, seine Kunst hat sehr viele blendende Eigenschaften. Doch ihr fehlt die Größe. Unter seiner Hand wird das furchtbare Schicksal des Volkes — die Pogromserie des ,,Tränenkruges'6 belegt es — zur Anekdote. Die Bibel aber ein Ballett. Das soll seine Leistung beileibe nicht herabwürdigen, sondern nur wahrhaftig im Kerne bezeichnen. Wer die jüngste Geschichte des Balletts, seinen Aufschwung zur musikdramatischen Pantomime oder auch nur das Potiphar-Spiel von Hugo Ilofmannsthal und Richard Strauß einigermaßen kennt, wird das schnell einsehen. Ein Blatt von Pann wie jenes mit dem an der Säule weinenden Josef ruft nach Max Reinhardt. Und es steht für fast alle. Diese Kunst fände ihr natürliches Feld im modernen Theater. Und schon deshalb kann Palästina nicht ihre Heimat sein. Ein Pariser Gewächs und auch heute noch auf das Zentrum einer verfeinerten, überreizten Nervenkultur gerichtet, gehört sie dorthin. Auf Östlichem Boden kann sie nur das Scheinleben der verpflanzten Treibhausfrüchte führen, in ihrem Umkreis nur Schaden stiften. Denn besinnen wir uns. Im Osten liegt junger Siedlerboden. Was hier gedeiht, soll aus frischer „grüner Wurzel'* kommen, soll stark und gesund, vom neuen Leben saftig sein. Nichts brächte mehr Gefahr als der Import vom überlebten Gut des altersmüden Europa. Auch für die Kunst. Denn auch sie muß neu beginnen.