Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 3 (1925)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1925)
- Article
- Die seidenen Zures
- Date
- 1925-12-01
- Page
- Seite 258 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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258 M E N O R A H Ecken lauerte der Judenhaß und schnitt Grimassen. Die Gesichter seiner Stammesgenossen waren zu einem nervösen Grinsen verzerrt, seltsam gebückt krochen sie umher und ihr rastlos ängstliches Gehaben reizte bis zur Besinnungslosigkeit den Haß der Judenleinde. Manchmal rannte Awrumko wild im Zimmer umher und suchte nach seinem Sohn. Er verschmachtete nach einer Frage, einem Trost, einem Rat. Aber Nutele stand am Fenster, starrte heiß in die Dämmerung und summte leise ein seufzendes Lied. Da trat wieder ein Ausdruck grenzenloser Geringschätzung in das vergrämte Gesicht des Vaters und er murmelte: „Da hast du ihn mit seinen seidenen Zures!" Als Awrumko eines Morgens in seinen Laden trat, entdeckte er, daß nachts bei ihm eingebrochen worden war. Der halbe Laden war geplündert, unermeßlicher Schaden war ihm zugefügt worden. Sein Schmerz war so heftig, daß er halb besinnungslos den Kopf auf den Ladentisch sinken ließ und stundenlang so verharrte. Als er wieder aufsah, umstanden ihn die Juden des Städtchens, man jammerte, man klagte, man besprach flüsternd den Vorfall als einen Vorboten neuer Pogrome. Die Angst machte Awrumko wieder elastisch. Er lief zur Polizei, ließ neue Riegel und Schlösser an seinen Türen anbringen, bemühte sich, den erlittenen Schaden zu berechnen und die Verdienstmöglichkeiten der nächsten Tage zu übersehen und suchte schließlich einen Freund auf, der ihm für den Augenblick auszuhelfen bereit war. Als er in seine Wohnung zurückkehrte, fiel ihm Nutele ein. Der Unwille, den er gegen ihn empfunden hatte, war durch seine letzten Erlebnisse ins maßlose gesteigert worden. Er empfand eine scharfe Genugtuung bei dem Gedanken, daß ihm nun nichts anderes übrig blieb, als den Sohn mit in seine Sorgen hineinzuziehen. Er öffnete leise die Türe des Nebenzimmers und trat ein. Da lag Nutele auf dem abgeschabten Sofa und schlief. Seine Wangen waren vom Weinen gerötet und in seinen Augenwinkeln hingen große Tränen. Neben ihm auf der Sofalehne lag ein Brief. Instinktiv faßte Awrumko danach. Seine Augen saugten sich mühsam an den deutschen Buchstaben fest, bis sie nicht mehr los konnten . . . „Nutele, es tut mir so weh, daß ich Dir diesen Brief schreiben muß. Aber es geht nicht anders. Er war gestern zum Abschied bei mir und es ist zu einer Aussprache gekommen. Da habe ich erkannt, daß wir zusammengehören, daß eine große Gewalt, die jenseits von Freundschaft und Feindschaft liegt, uns zueinanderreißt. Ich habe es ihm kurz und bündig eingestanden, wie ich es Dir nun eingestehen muß. Nutele, ich kann nichts dafür. Ich habe es Dir oft schon ehrlich gesagt, daß ich über mein Gefühl für Dich immer ein wenig im Zweifel war. Es war zu still. War nichts als Zärtlichkeit, leise, warme Zärtlichkeit, wie sie beim Anblick kleiner Kinder in mir aufsteigt oder beim Klange jüdischer Laute und Melodien. Aber das Heiße, Rasende, Unbedingte — war es nie. Und doch habe ich Dich lieb gehabt, Nutele, schmerzhaft lieb, so lieb, daß ich halb wahnsinnig werde bei dem Gedanken, Dir weh zu tun. Und mußte es so kommen, mußte ich Dir Schmerz bereiten, gerade Dir, so will ich alles tun, um Deinen Schmerz in Schönheit zu wandeln, in eine so süße, tiefe Schönheit, wie Du sie noch nie empfunden hast. Komm, Nutele. Komm zu mir, sobald Du wieder in Wien bist. Hab' keine Angst. Du wirst ihn nicht bei mir treffen, er wird noch immer verreist sein. Einem anderen als Dir würde ich das nicht schreiben, würde fürchten, daß er mich mißversteht. Du aber bist nicht so. Komm. Im dunkelgrünen Salon wird es leise dämmern. Du v\ irst im großen Fauteuil sitzen und in weiche Schatten versinken. Im offenen Fenster wird der Duft schwerer Früchte sein und fernes Großstadtbrausen. Du wirst die schöne gläserne Aschenschale neben Dir finden und Dir gegenüber das alte holländische Bild, das Du so liebst. Vom letzten Blaulicht des Tages umspielt, wird es Dir seltsam verändert erscheinen, eine neue Quelle von \ingeahntem Farbenreiz. Du wirst so vertieft sein, daß Du mich nicht eintreten hören wirst. Ganz plötzlich wird Musik im Zimmer sein. Prunkvolle Arien und kleine schraerzdurchleuchtete Ghettoliedchen. Du wirst mich nicht sehen. Nur meine Stimme wird bei Dir sein. Du wirst nicht mehr glauben wollen, daß diese Stimme in einem Menschenwesen lebt. Wirst es besser wissen. Wirst erkennen, daß es die Stimme Deiner Jugend ist, die Du geliebt hast, die mit Dir weint und Dich weiter ins Leben hinausschickt, die Stimme Deines ersten süßen kleinen Studententraumes. Dann werden die Lieder leise A'erklingen. Wir werden einander gegenübersitzen und zwischen uns wird der samtene Vorhang der Dunkelheit sein. Wir werden still vor uns hinblicken und immerfort nur das eine denken: Niemals, niemals, niemals, niemals. Das erstemal wird darin Verzweiflung klingen, das zweitemal Traurigkeit, das drittemal Musik. Und zuletzt wird die Musik dieses Wortes so wunderbar sein, daß Du Dich plötzlich dabei ertappen wirst, wie Du Dir nicht mehr wünschen kannst, es wäre anders gekommen. Denn Du liebst die Schönheit, und tiefe Schönheit wird über Deinem Schmerze sein. Ich aber werde keinen Vorwurf mehr fühlen, mein Herz wird nicht mehr schmerzen bei dem Gedanken an Dich, sondern Dich still und heiter lieb haben wie kleine Kinder und leise Ghettolieder. Mirjam." Stille. Weiche, webende Stille. Tief und ruhig ging Nuteles Atem und leise raschelte der Brief. Der alte Jude stand mit weitgeöffneten Augen da. Was er nie gekannt, was er bitter verachtet hatte, lag nun zum ersten Male vor ihm in seinen farbigen Bildern und biegsamen Rhythmen, die Uraltes in ihm wachriefen, ekstatischen Schönheitsrausch des alten Hebräers, längst verschüttet, längst versenkt. Er fühlte in seinen Händen die seidenen Zures knistern. Er hatte immer gewußt, daß es im menschlichen Leben Schmerzen geben muß. Und die Schmerzen hatten für ihn immer bestimmte Gestalten gehabt, sie waren häßlich, sie waren gifterfüllt. Und nun erkannte er, daß es auch Schmerzen gab, die schön waren. Kein Ekel war in ihnen, kein Haß, kein Krampf. Es waren feine, weiche, seidene Zures. Das alte Spottwort hatte plötzlich einen anderen Klang bekommen. In seinem knisternden Rauschen war eine neue Weisheit, ein neues Heil. Und der alte Awrumko fühlte plötzlich mit heißer Gewißheit eine Zukunftswelt kommen, in der nichts Niedriges mehr war, nichts Grausames, nichts Stumpfsinniges. Eine feine, kluge, seidene Welt. Und weil eine Welt ohne Zures unmöglich ist, so würde es auch dort Zures geben, aber eben nur feine, seidene Zures, so wie sie sein Sohn, sein süßer, goldener, gebildeter Nutele hatte. Nicht mehr die rohen Schmerzen, die der Mensch dem Menschen zufügt, sondern schöne, natürliche Schmerzen, seidene Kissen, die man Kindern unter die Wange schiebt, damit sie leise durch ihre Träume knistern. Und der alte Jude neigte sein vergrämtes Haupt über den kleinen, leichten Mädchenbrief und segnete die seidenen Zures — segnete sie als den Teil einer fernen schönen Welt. Nacht Glocken klingen von den Türmen nieder — Licht und Leute werden immer müder. Schon versinken fern des sommermatten 1 ages Glanz und drüber fallen Schatten. Nacht und Nebel jagt von Westen näher: A.ber Sterne schwingen immer höher. Über Menschenfurcht und Menschenfragen Unermeßlich Gottes Sterne ragen! Uricl Birnbaum.