Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 3 (1925)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1925)
- Article
- Die seidenen Zures
- Date
- 1925-12-01
- Page
- Seite 257 (sequence 1)
- Language
- German
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M E N O R A H 257 DIE SEIDENEN ZURES VON KLARA BLUM Nutele Friedmann kehrte nach fünfjähriger Abwesenheit in sein Heimatstädtchen zurück. Er hatte in Wien die „Matura" gemacht und zwei Semester Medizin absolviert. War eben zwanzig Jahre alt geworden und seine Eltern fanden, daß es nun an der Zeit sei, ihnen einen kleinen Ferienbesuch zu machen. Das Wiedersehen mit den schiefen, schmutzigen Straßen des kleinen galizischen Städtchens, mit dem Gewürzladen seines Vaters und mit der ganzen, wild auf ihn einredenden Familie, brachte in sein feines Gesicht nur ein sanftes Lächeln, von dem man nicht hätte sagen können, ob es ein gerührtes oder auch nur ein geduldiges Lächeln war. Er hatte sich eine leise, diskrete Stimme angewöhnt und sprach ein seltsam unpersönlich korrektes Flochdeutsch. Es lag etwas in seiner Art zu sprechen, das auch mit den alltäglichsten Dingen wie mit Porzellansachen umging. Abends bei Tisch. Der alte Awruniko kaute umständlich an seinen Bissen. Den ganzen Nachmittag über hatten tanzende Schimmer Wände und Möbel verhüllt. Die täglichen Dinge seines Lebens waren spurlos im Begrüßungsrausch ertrunken. Heißer Stolz war in ihm, schaute rückwärts auf unendliche Mühen, schaute vorwärts und lächelte: „Mein Sohn wird ein Doktor sein." Aber nun waren die tanzenden Schimmer still geworden, sanken in langsamen Goldlropfcn zu Beden. Langsam tauchten wieder seine Möbel und Wände hervor, sein Zimmer, seine täglichen Plagen, seine Welt. Von den Körpern und Bewegungen dieser Welt stach die Erscheinung seines Sohnes mit solch einer Fremdheit ab, daß es wie alles Ungewohnte, die Spottlust des Vaters reizte. Sein Wesen veränderte sich, er stellte seine Fragen ungeduldiger, skeptischer, oft mit einem gewissen Unterton trockener Überlegenheit. Er fühlte wieder mit vollem Bewußtsein, daß es ihn langweilte, wenn Nutele mit genießerischer Umständlichkeit Wiener Sehenswürdigkeiten beschrieb und unersättlich in allen Einzelheiten schwelgte. Er unterbrach ihn trocken, fragte nach Wiener Verwandten. Nutele gab gewissenhaft Auskunft. Ja, er hatte, wie aufgetragen, Vetter Itzig besucht, war dort sogar zum Nachtmahl eingeladen worden und hatte bei dieser Gelegenheit Vetter Herschis Tochter kennengelernt. Vetter Herschis Tochter? Beide Eltern wurden plötzlich lebhaft. Sie hatten mit Vetter FIcrschl vor Jahren in großer Freundschaft gelebt. Die kleine Mirl und Nutele waren in derselben Woche geboren worden und die Eltern hatten wechselseitig lebhaften Anteil an den Kindern genommen. Erst als Hersehl nach Wien zog und anfing, sich deutsch zu kleiden, war eine kleine Entfremdung eingetreten. Nutele erzählte nicht viel. F,r hatte sie, wie gesagt, bei Vetter Itzig kennengelernt und war ihr, ein paar Tage später, auf der Universität begegnet. Sie hatte ihn ein paarmal aufgefordert, sie ins Theater zu begleiten und dann auch ölters zu sich eingeladen und ihm vorgesungen. Sie besuchte das Konservatorium und man prophezeite ihr eine große Zukunft. Mehr war aus ihm nicht herauszubringen. Groß und schwarz verträumten sich seine Augen. Das alles rief in Awrumko unbewußt unwillige Empfindungen hervor. Er begann mit einer gewissen Absichtlichkeit von seinem Elend, seinen täglichen Leiden zu reden. Man plagte sich. Man quälte sich. L'msonsl. Man war von Feinden umgeben. Judenhaß bei allen, vom Bauern bis hinauf zum Polizeimann. Manche bezahlten nicht gleich. Wurden grob und stießen Drohungen aus, wenn man sie mahnte. Meinten es ja meistens nicht ernst. Aber schon zitterte man. Fuhr bei jedem Geräusch zusammen. Sah halbvergessene Schreckbilder vor sich aufsteigen, ausgerissene Bärte, Messer, Blut. Dachte längst nicht mehr an das mühsam erworbene Geld, sondern bangte nur um das nackte Leben. Und war schutzlos. x LYON EL S. REISS TALMUDSC1 IÜLER Manchmal waren gute Zeiten gekommen. L nd das Geschäft schien aufzublühen und man dachte schon an Vergrößerungen. Immer wieder und wieder versuchte man sich aus dieser erstickkenden Armut zu winden, ein Leben zu erreichen, in welchem es ruhige Nächte gab, nicht mehr zersägt und zerschnitten durch die ewige Sorge: „Habe ich für den morgigen Tag genug für mich und mein Weib? Habe ich für den nächsten Monat genug für Nutele und sein Studium?" Aber sie machten dem armen Juden das Leben immer schwerer und schwerer, bis er atemlos innehielt und wieder den kleinen Vorsprung verlor, den er seiner Armut abgewonnen hatte. Nutele war sonderbar. Tagelang saß er in seinem Zimmer, kümmerte sich um nichts, hatte für gar nichts Interesse. Wenn jemand zu ihm sprach, hörte er höflich und sanftmütig zu und man sah es ihm förmlich an, wie er sich auf den Augenblick freute, wo der andere zu reden auigehört haben würde. Seine Verträumtheit, die in den ersten Tagen seines Besuches beglückt und heiter gewesen war, wurde immer trauriger und gedrückter. Fast täglich schrieb er Briefe und erhielt nicht viel seltener Antwort. Die Mutter beobachtete ihn. Sie war sich sehr bald über die Ursache dieser Anwandlungen klar und hielt es für angemessen, mit dem Vater darüber zu sprechen. Auch er hatte es längst gemerkt. In ihm war die ganze Verachtung des Leider!ahrenen für die eingebildeten, die poetischen Schmerzen des Sorglosen, die Verachtung des Erwachsenen für Kindertränen, die Verachtung des luden für Liebeskummer. Und über seine Lippen trat geringschätzig das alte spöttische Judenwort: „Seidene Zures!" Aber es tat ihm weh, bitler weh. Warum war sein Sohn so lieblos, so ausgclüllt von seinen nichtigen Torheiten, so teilnahmslos für die Sorgen, die echten, wirklichen, harten Sorgen seines Vaters? Wieder waren schlechte Zeilen gekommen. In allen