Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 3 (1925)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1925)
- Article
- Hermann Heijermans, der Ghettoschilderer
- Date
- 1925-12-01
- Page
- Seite 256 (sequence 2)
- Language
- German
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256 M E N O R A H MAX LI EBER MANN AUS DEM AMSTERDAMER JUDENVIERTEL s u n d e Menschenleben hineingreift, da fördert er Schemen zutage: so Eleazar in „Diamantstadt", Rafael in „Ghetto", Petruschka in „Ahasver". Entartete dagegen, Verkommene, Menschen ohne Gedanken und ohne Willen, zeichnet Heijermans mit einer Meisterschaft, die wir bewundern müssen, wenngleich wir sie vom künstlerischem Standpunkt nicht ganz anerkennen können. Heijermans ist Tendenzdichter, und der Tendenz zuliebe schildert er das Entartete und Häßliche mit einer Umständlichkeit, die peinlich wrirkt; so wird bei ihm häufig das, was eine naturgetreue Schilderung werden soll, zu einer karikierenden Zeichnung. Wie seine Romane und Novellen, so sind auch Heijermans1 Dramen tendenziös. Besonders klar und offensichtlich ist die Tendenz des Stückes „Ghetto". Rafael will das christliche Mädchen Rose heiraten, um solcherart refermatorisch zu wirken: ihre Ehe soll ein Vorbild sein, sie soll Jud und Christ von den Schlacken des Vorurteils befreien helfen. Der Held des Stückes, der von einer neuen Gemeinschaft, von der Gemeinschaft ohne Götter, ohne Schlechtigkeit faselt und nichts tut, als auf Gräbern sitzen und leeren Träumereien nachhängen, verflüchtigt sich im Laufe der Handlung zu einem Schattenbild, nebelhaft und wesenslos. Dagegen sind die Nebenfiguren des Stückes Sachel, Rabbi Haeser, Esther und Aaron lebenswahr gestaltet. Durch die Einführung des Rabbi Haeser im zweiten Akt, wo er bei Sachel erscheint, um seinen ehemaligen Schüler Rafael zur Vernunft zu bringen, hat Heijermans der Tendenz seines Dramas den Todesstoß versetzt. Der Rabbi spricht so klug und so überzeugend, daß die „alte, engherzige, unzeitgemäße jüdische Glaubenswelt" über den neuen Menschenglauben einen vollkommenen Sieg davonträgt. Heijermans kommt in seinen Ghettoschilderungen aus dem Amsterdamer Ghetto nicht heraus. Nur ein einziges Mal hat er den Sprung vom Amsterdamer Judenviertel zu den strenggläubigen Juden im Innern Rußlands gewagt, und zwar in dem einaktigen Schauspiel „Ahasver". Das Stück spielt in einer Bauernhütle in der Zeit der Judenverfolgungen in Rußland. Es ist Freitagabend, draußen wütet ein Schneesturm, das Ehepaar Karalik erwartet Petruschka, den einzigen Sohn, der den ganzen Tag über vom Hause fern geblieben ist. An demselben Tage hat sich Petruschka aus Furcht vor den Judenverfolgungen taufen lassen. Die Nachricht davon überbringt ein Pope der Mutter. Petruschka erscheint, und der getaufte Jude spricht auf Geheiß des ahnungslosen Vaters den Segensspruch über die Sabbatbrode. Während der Sabbattafel stürmen plötzlich Kosaken in die Stube, jagen die Familie Karalik aus dem Hause, weil sie nach dem Gesetze hier nicht wohnen dürfe; nur Petruschka darf bleiben. Ahasver greift zum Wanderstab, und ein Fluch ist sein Abschiedswort an seinen abtrünnigen Sohn. Petruschka bricht zusammen; eine alte Großmutter, deren Gatte vor Jahren bei einem Pogrom ermordet worden ist, murmelt leise: „Licht . . . schön . . . ich . . . ausblasen . . ." Das Lichtchen erlischt. Der Vorhang fällt. In diesem Schauspiel führt uns Heijermans zum erstenmal Juden vor, die nicht faul von innen und nicht schmutzig von außen sind. Zum erstenmal zeigt er uns den Juden als Märtyrer seines Glaubens (Karalik), zum erstenmal die Jüdin, in der der Heldenmut des biblischen Weibes steckt (die Mutter). Die Skizzen und die kurzen Novellen Heijermans' unterscheiden sich vorteilhaft von seinen größeren Arbeiten. Erstens schon dadurch, weil in einer Skizze die Tendenz nicht mit allzu großer Aufdringlichkeit hervortreten kann. Und gerade diese Verminderung der Tendenz mehrt ihren künstlerischen Wert. Dann erfordert schon die Technik einer kurzen Skizze die Vermeidung von Weitschweifigkeiten. Weil er sich hier nicht über die Äußerlichkeiten seiner Personen erschöpfend auslassen kann, sucht er sie psychologisch zu erfassen. Im ganzen hat Hermann Heijermans als konsequenter Naturalist es immer vermieden, sich in das Seelenleben seiner Menschen und Gestalten zu vertiefen. Er ging als Schriftsteller allem Psychologischen sozusagen in weitem Bogen aus dem Wege. Nur in einem Punkt machte er eine Ausnahme: in der Darstellung der Blinden. Da war er ganz Psychologe, da vertiefte er sich ganz in ihr seelisches Leben. Da ist zum Beispiel im „Ghetto" der alte blinde Sachel. Dieser Blinde, der mit seinen Ohren, mit seinen Händen, mit seinem ganzen Körper mehr sieht, als zwei gesunde Augen, ist eine vortrefflich gezeichnete Figur, wie sie nur ein vorzüglicher Kenner der Blinden schaffen konnte. In der wirkungsvollen Skizze „Das Kind" verfolgt Heijermans mit psychologischem Kennerblick den Entwicklungsgang eines blindgeborenen Kindes. In „Amieke" schildert er die seelischen Qualen einer jungen, durch Krankheit völlig erblindeten Frau, die von der Eifersucht heimgesucht wird. In „Diamantstadt" ist die alte blinde Tante Reggie der einzige Mensch, dem wir Gefühle der Sympathie und des Mitleids entgegenbringen. Merkwürdig: Leuten, denen das Augenlicht erloschen war, vermochte Hermann Heijermans in die verborgensten Falten ihrer Seele zu schauen.