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Menorah · 1925-12-01 · Heft 12 (Dezember 1925) · p. Seite 255

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
3 (1925)
Issue
Heft 12 (Dezember 1925)
Article
Hermann Heijermans, der Ghettoschilderer
Date
1925-12-01
Page
Seite 255 (sequence 1)
Language
German
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M E N O R A H 255 Hermann Heijermans, der Ghettoschilderer Von S. M E I S E L S Kurz vor Erreichung seines sechzigsten Geburtstages ist vor einem Jahre in Zandvoort, einem Vorort von Amsterdam, der bekannte holländisch-jüdische Dichter Hermann Heijermans verschieden. Heijermans' Hauptgebiet war die Ghettogeschichte, seine Spezialität die Ghettomilieuschilderung. Heijermans war einer der Letzten aus der alten Naturalistenschule und einer der ersten, die das Ghetto und seine Menschen derb naturalistisch geschildert haben. Deshalb nimmt er denn auch in der Reihe der Ghettoschilderer eine gesonderte Stellung ein. Die älteren Ghettoschriftsteller schilderten das Ghettoleben mit Liebe und Pietät; sie sahen wohl den faustdicken Dunstkreis, in den die ..Gasse" gehüllt war, aber sie spähten aus nach dem Lichtstrahl, der die Dunkelheiten erhellte. In Heijermans' Ghettoschilderungen dagegen ist alles grau in grau, schwarz in schwarz, und die einzelnen verirrten Streiflichter dienen nur dazu, die gehäuften Dunkelmassen erst recht sichtbar zu machen. Bei Heijermans sind die Häuser im Judenviertel in dunstige Schatten gestellt, und Schatten sind auch die Gestalten, die darin umherwandeln. Heijermans' Judentypen erhalten nicht durch ihre Abstammung Farbe und Gestalt; sie sind lediglich die Produkte mißlicher sozialer Zustände. In den älteren Ghettogeschichten kommt neben der äußeren Erscheinung des Juden auch sein inneres Seelenleben zum Vorschein. In Heijermans' Ghettoschilderungen sehen wir nur den entarteten, in Schmutz und Finsternis verkommenen Juden, wie er uns bald hier, bald dort in einem abseitigen Weltwinkel entgegentritt; aber vom Seelischen in ihm, von dem Spezifischen, das sich in allen Lebenslagen nicht verleugnet, entdecken wir da keine Spur. Es wurde behauptet, die Milieuschilderungen Heijermans' erinnerten an die Bilder der modernen holländischen Malerschule. Der Vergleich scheint mir nicht ganz zutreffend. Man lese zum Beispiel die folgende Heijermanssche Schilderung einer Sackgasse in Amsterdam. ,,Es war die giftige unheimliche Finsternis, die nach dem fauligen Wasser zu stolperte und auf das Sackgäßchen und die Häuser und das Wasser und die Wohnungsruinen gegenüber an der Gracht t i e f s c h w a r z e Betrübnis senkte — schwarze Betrübnis auf den Bretterschuppen, auf die verfallende Scheune, auf die steif getrocknete Wäsche, auf die Latten an den Fenslern — s c h w a r z e Betrübnis, sch w a r z wie die Nacht unter dichtblätterigen Bäumen, schwarz wie Fledermausflug, schwarz wie Sargdecken im Dunkel eines Totenwagens —-schwarz wie Schlamm und Schmutz an verwitterten Wänden." — Nein, das ist kein rembrandtsches Helldunkel, das ist eine Tiefschwarzzeichnung, ohne Helle, ohne Licht. Mit solch dickschwarzer Farbe malt Heijermans fast durchgängig das Judenviertel in Amsterdam. Die Häuser dort sind „verwittert und schmutzig", die plumpen Dächer sind „bemoost und schmutzig", die Judenquartiere sind „braun und schmutzfarbig", das Grün an den Bäumen ist „staubig und schmutzig", ja selbst der Himmel erscheint wie ein „milchig trüber Deckel, der über den Giebeln und Dächern liegt". Nicht viel anders sehen die Menschen aus, die in diesem Viertel wohnen. Da sieht man nur verwittert runzlige, schmierig knochige und willenlos weiche Gesichter mit schmutzigen Stoppelbärten und breitbackenknochigen Köpfen und wässerig kleinen Augen und bräunlich nassem Tabaksmund und clickoffenen Lippen. So hat man oft den Eindruck, daß der Ghettoschilderer Heijermans es darauf absehe, durch seine Schilderungen gewisse Unlustgefühle beim Leser wachzurufen. Den sichersten Aufschluß über die Schaffensart Heijermans' gibt uns sein großer Roman ,,Diamantstadt". Dieser Roman offenbart uns den ganzen Heijermans mit allen seinen Vorzügen und Mängeln. Der Roman ist auf dem Untergrund eines Diamantschleiferstreiks aufgebaut, der sich in Amsterdam, der Diamantstadt, abspielt. Sämtliche Diamantschleifer — mit Ausnahme der Sliipsmaker, das sind Leute, die die kleinen, schwer zu schleifenden Stückchen bearbeiten — sind Juden. Somit wird die ganze Handlung in ein spezifisch-jüdisches Milieu hineingetragen. Der Roman erschöpft sich in übermäßig detaillierenden Schilderungen, die teils faszinieren, teils abstoßen. Wie jeder soziale Roman, ist auch „Diamantstadt" eine Anklageschrift. Aber eine Anklageschrift mit verkehrter Tendenz, da diesmal nicht dem Unterdrücker, sondern dem Unterdrückten alle Schuld zugeschoben wird. Der Held des Romans ist Eleazar, der Idealmensch, der moderne Priester, der neuen Göttern opfert. Und da zeigt es sich, daß Heijermans' Fielden jede Wesenhaftigkeit abgeht. Wo Heijermans ins g e- MAX LIEBERMANN AUS DEM AMSTERDAMER JUDENVIERTEL Mit F.rlaul.nis d..-s „Vrsdagi.vond Amsterdam"

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