Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 3 (1925)
- Issue
- Heft 11 (November 1925)
- Article
- Darius Milhaud
- Date
- 1925-11-01
- Page
- Seite 244 (sequence 2)
- Language
- German
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244 M E N O R A H III. Kammermusik. 191 1, 1917. Zwei Sonaten für Klavier und Violine. 1914. Sonate für zwei Violinen und Klavier. 1919. Eine Kinophantasie für Violine und Klavier. 1914 bis 1922. Sechs Streichquartette. 1918. Sonate für Klavier, Flöte, Oboe und Klarinette. 1922. Sonate für Flöte und Klavier. IV. Orchester musik. 1913 bis 1922. Fünf Symphonien (meist für kleineres Orchester) . 1920. Eine Serenade für Orchester. 1919. Le Tango de Fratellini. 1913, 1919. Zwei Suiten für großes Orchester. 1920. Caramel mou, Shimmy für eine Jazzband. V. Szenische Werke. 1910 bis 1915. La Brebis egaree. Oper in drei Akten. (Paris, Opera comique.) 1918. L'homme et son desir. Ballett von Paul Claudel. (Aufgeführt durch das schwedische Ballett in Paris, Hamburg, Stockholm, New York und durch die Schule Hellerau in Wien und Dresden.) 1919. Le Boeuf sur le Toit. Farce von Jean Cocteau. (Paris, Champs Elysees, London, Kolosseum.) 1922. Salade, Ballett in zwei Akten. (Paris, Soirees de Paris.) 1923. La Creation du monde. (Schwedisches Ballett, Paris.) 1 924. Le Train bleu. (Russisches Ballett, Paris, London, Monte Carlo.) Ist dies auch nur ein Titelverzeichnis, so ist doch schon in dieser äußerlichen Aufzählung das musikalische Profil unserer Zeit wohl erkennbar. Sowohl in der ans Unglaubhafte streifenden Fruchtbarkeit, die eine an Mozarts Zeiten gemahnende Leichtigkeit des Produzierens ahnen läßt, als auch in Einzelheiten, wie in der Vorliebe für kleines Orchester und Kammermusikgruppierungen, schließlich und nicht zuletzt in der deutlichen Zielrichtung seines Schaffens zur pantomimischen Musik, zum Ballett hin. Und man beachte, wie ganz im Gegensatz dazu die Musiker von nur ein bis. zwei Jahrzehnten vorher, also die eigentlichen Pfadfinder der Moderne, meist relativ schwer produzierten, weil sie die neuen Ausdrucksmittel erst quasi erfinden, sich erobern mußten. Und nun sind schon ihre unmittelbaren Nachfolger in der Lage der glücklichen Genießer, die ernten können, wo jene säen mußten. In diesem Sinne gleicht Milhauds Musik einem mühelosen Dahinschweben in schwerkraftlosem Gebiet und wirkt so wohltuend problemlos, obwohl in ihr die mannigfachsten geistigen und musikalischen Probleme unserer Zeit zum Ausdruck kommen. Wir haben hier in Wien manches seiner Werke gehört. Neben einigen „Kleinigkeiten", Klavierstücken und Liedern, oder mancher Karnmermusik, wie der zart schimmernden Flötensonate, auch eines seiner Hauptwerke, die Pantomime ..L'homme et son desir", die in einer sorgsam vorbereiteten Aufführung durch die Hellerau-Schule herausgebracht wurde und als ausgesprochene Sensation wirkte. Aus feinsten Tonschleiern lösen und ballen sich allmählich wahre Klangmassen, die Steigerung wächst ins Unheimliche, bis schließlich im höchsten Aufschrei des Orchesters Mikrokosmos und Makrokosmos gleichsam aufeinanderstoßen. Da nun beginnen Oboe und Klarinette, Trompeten und Geigen und alle anderen eigentlich tonerzeugenden Instrumente zu pausieren und nur die Geräusche arbeiten fort, die Trommeln und Kaslagnetten, die Windmaschine, das Tamtam. Es ist reinster „Bruitismus" nach der Methode der ersten italienischen Futuristen (fast möchte man sagen, seligen Angedenkens). Aber wie zwingend ist dieser ,.Lärm" gestaltet, wie wirkt er organisch, weil die frühere Melodie in ihm unhörbar nachklingt, weil die motivische Idee des Ganzen, ein bewußter tektonischer Wille, noch im letzten Wipser der Kastagnetten deutlich fortschwingt. Es ist. als ob alles organische Leben auf einmal gestorben wäre und der Weltenrhythmus allein weiterginge. Bis schließlich gleichsam auch diese letzten kosmischen Reste in Nichts zerflattern . . . Hier berührt und sondert sich zugleich Milhauds Wesenheit von vielen ähnlich Strebenden der zeitgenössischen Komponistengeneration. Und vielleicht liegt gerade in seinem Judentum eines der Hauptelemente, das den Unterschied bedingt. Milhaud ist ja, auch musikalisch gesehen, vor allem Franzose, Weltmann und Kind seiner Zeit. Wie sehr er aber auch als solches den Zug zum Sachlichen, zum Unsentimentalen, ja zum Maschinentum mitmacht, immer wieder sprühen aus den unterirdischen Bezirken Flammen auf, die, über Bewußtes hinweg, vielleicht das Leben entfernter Ahnen deuten. Der direkte Einschlag jüdischen Melodieausdruckes in seinen Werken ist ein geringer. Über die wenigen Musikstücke jüdischen Stiles, die er geschrieben hat, sagt er selbst, „sie hätten für ihn mehr die Bedeutung privater, fast religiöser Erlebnisse, und es fehle ihnen die Gestaltung, Mannigfaltigkeit und Phantasie, die man von den Werken eines veritablen Musikers mit Fug verlangen dürfe". Dies mag nun zum Teil allzu große Bescheidenheit sein, auch ließe sich behaupten, daß zuweilen der Wert eines Kunstwerkes gerade durch ein Überwiegen des inneren Erlebnisses vor der fachlichen Gestaltungsarbeit erhöht werde. Wie dem auch sei, sicher ist — obwohl Milhaud, dies sei nochmals betont, sich seines unlösbaren Zusammenhanges mit dem Judentum nicht nur bewußt ist, sondern ihn auch froh bejaht — daß sein Oeuvre selbst völlig frei dasteht und keinerlei nationale noch sonstig bewußte Bindungen irgend welcher Art eingeht. Und wer das erwartet hat, mag enttäuscht sein: wir haben hier keine neue „jüdische Musik" vor uns. Aber vielleicht mehr als das: eine wahrhaft wertvolle Musik, und der sie schrieb, ist — und will es sein — ein Jude. PERSONALIA Zwei Wiener Komponisten, Arnold Schönberg und Hanns E i s 1 e r, eine anerkannte Berühmtheit und ein junges Talent, beide jüdischen Stammes, sind als Kompositionslehrer nach Berlin berufen worden. Schönberg unter ganz exzeptionellen Bedingungen zur Leitung einer Meisterklasse an die Hochschule für Musik, während Eisler an das Scharwenka-Konservatorium engagiert wurde. Ein schönes Symptom dafür, daß in Deutschland trotz allem antisemitischen Geschrei der Sinn für Geistigkeit und wahre Kunst noch fortlebt. In Wien hat sich -— aber hier von keiner Akademie gerufen — Joachim S t u t s c h e v s k y, einer unserer besten modernen Cellisten, aus der Schweiz kommend, niedergelassen. Er wird hier als Lehrer, Virtuose und Mitglied des bekannten „Wiener Streichquartetts" tätig sein. Stutschevsky, ein Künstler von ungewöhnlichem Ernst und Arbeitskraft und von einer geradezu ekstatischen Liebe für jüdische Musik erfüllt, hat selbst im Verlag „Juval" eine jüdische Volksliedsammlung erscheinen lassen, die eine neuartig moderne, aber zugleich stilgemäßere Harmonisierung der alten Melodien anstrebt. Wir werden in der „Menorah" auf seine Tätigkeit noch gelegentlich ausführlicher zurückkommen. * Die Zahl der Juden Schwedens ist bekanntlich eine verschwindend kleine und soll über einige Hundert nicht hinausgehen. Um so interessanter erscheint es, daß einer der bedeutendsten Musikschriftsteller Schwedens, zugleich seit mehreren Jahren Musikkritiker des „Svenska Dagbladet", der größten schwedischen Tageszeitung, ein Jude, ein noch junger Mann, namens Moses Pergament ist. Herr Pergament ist auch ein unermüdlicher Propagator für neue Musik und seiner Tätigkeit ist es mit zu danken, wenn die großen neuen Musiknamen immer mehr Eingang in die Programme der Stockholmer Konzeric finden. Auch als Komponist hat sich Pergament bereits einen Namen gemacht. So wurde unter anderem ein Streichquartett bei seiner, vor einiger Zeit in Berlin stattgehabten Uraufführung, von Publikum und Kritik mit großem Interesse aufgenommen. Man darf auf seinen weiteren Entwicklungsgang gespannt sein.