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Menorah · 1925-11-01 · Heft 11 (November 1925) · p. Seite 243

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
3 (1925)
Issue
Heft 11 (November 1925)
Article
Darius Milhaud
Date
1925-11-01
Page
Seite 243 (sequence 1)
Language
German
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Als der Schreiber dieser Zeilen vor einiger Zeil darangehen wollte, eine Liste der namhafteren zeitgenössischen Musiker, die Juden oder jüdischen Blutes sind, zusammenzustellen, stieß er speziell bei den romanischen Ländern auf Schwierigkeiten. Gehört es doch in Frankreich oder Italien nicht — wie bei uns in Mitteleuropa — zu den primärsten Fragen, cb jemand Jude sei oder nicht. So ist es zum Beispiel betreffs Ravel, des bekanntesten der lebenden Komponisten Frankreichs, dessen starkes Interesse für jüdische Musik auf jeden Fall rühmend zu nennen ist, geradezu nicht herauszubekommen, cb er auch selbst Jude ist. In Zeitschriften konnte man wiederholt die widersprechendsten Behauptungen über diesen Punkt lesen. Fragt man aber Franzcscn, auch persönlich Bekannte des Künstlers, so antworten sie fast stets, es sei ihnen nichts Zuverlässiges darüber bekannt. Nur von eine in der besten Musiker des heutigen Frankreich weiß man es ganz gewiß, daß er Jude ist, weil er sich selbst stets rückhaltslos dazu bekennt: es ist Darius M i 1 h a u d. Milhauds Name irt einem breiteren Publikum heute noch nicht so allgemein geläufig, wie es etwa der Richard Strauß' oder Schönbergs ist. Dennoch muß man ihn nicht nur als eine der stärksten Musikhoffnungen unserer Zeit betrachten, der kaum Vierunddreißigjährige kann vielmehr schon heute zu den fast Arrivierten gerechnet werden. Übrigens ist schon sein bisheriges Oeuvre von einer Spannweite, daß ihn mancher Sechzigjährige darum beneiden könnte. Zahlreiche Aufführungen seiner Kammermusik-, Orchester- und Bühnenwerke in fast allen Hauptstädten der Welt haben ihm Lorbeer und Freunde, aber auch Widerstand und Gegner gebracht — und vielleicht dünken diese einem richtigen Künstler nicht minder notwendig und ehrenvoll als die ersleren. Milhauds äußeres Leben ist nicht wie das so mancher Künstler auf Ruhe und Beschaulichkeit gestellt, vielmehr von einem nie locker lassenden Veränderungstrieb, von jener ewigen Vibration durchzittert, die uns auch aus seiner Musik ohne Unterlaß entgegenströmt. Den 4. September 1892 zu Aix-en-Provence geboren, kam er frühzeitig nach Paris ans Conservatoire, wo er bei Leroux, Gedalge und dem bekannten Widor studierte, um bald als reif erklärt und reich prämiiert entlassen zu werden. Seine Abstammung aus diesem Teil der Provence ist gerade vom jüdischen Standpunkt aus hochinteressant. Er selbst schreibt darüber in einem Briefe: „Ich gehöre einer Familie aus dem Comtat Venaissin an, woher jene kleine Gruppe von Juden stammt, die seinerzeit unter der Papstherischaft in Avignon in die Provence geflüchtet ist. Der Ritus dieser Juden ist ein besonderer und ähnelt am meisten dem der portugiesischen Juden." In den Jahren 1917 und 1918 treffen wir Milhaud in Brasilien als Attache der französischen Gesandtschaft, deren damaliger Chef der berühmte Dichter Paul Claudel war. 1919 nach Frankreich zurückgekehrt, wird Milhaud Mitglied der Gruppe der ,,Sechs", einer jungen, eben erst gegründeten Künstlervereinigung, die aber rasch Geltung gewinnt und das Musikleben der Hauptstadt bald beinahe beherrscht. Dabei ist es eben Milhaud, der als ihr prominentester Kopf, als charakteristischeste Erscheinung angesehen wird. Nun kommen die Konzert- und Propagandareisen für sich und seine Freunde, die ihn in last alle Hauptstädte Europas und auch nach Nordamerika führen. Hier ist charakteristisch, wie sich eine der führenden amerikanischen Musikzeitungen zu ihm stellt. DARIUS MILHAUD Nachdem sie ihn lange Zeit angegriffen und seine Musik getadelt hatte, gesteht sie plötzlich, sein Besuch bleibe trotz allem das wichtigste musikalische Ereignis der Saison. Ehe wir nun, wenn auch in knappsten Zügen, auf Milhauds eigentliche Künstlerpersönlichkeit eingehen, sei hier versucht, eine - sicher unvollständige — Bibliographie der bis jetzt erschienenen Werke zu geben. Sie hat in ihrer Farbigkeit und Fülle weit mehr als statistischen Wert und gibt besser als alle Worte einen Begriff dieser wahrhalt unerschöpflichen Schaffenskraft. Die den Werken voranstchenden Zahlen bedeuten das Entstehungsjahr, die den Bühnenwerken angefügten Worte in Klammern geben Aufführungsdaten. I. K 1 a v i e r w e r k e. 1913. Suite. 1915 bis 1920. Printemps (1 bis VI). 1916. Sonate. 1920 bis 1921. Saudades do Brazil. (Zwei Bände.) 1922. Trois Rag-Caprices. II. Gesan g. 1916. P o e m e s J u i f s. Lieder nach Texten von Leo Latil, Paul Claudel, Chateaubriand, Rabindranath Tagore (Kinderlieder), Jean Cocteau und anderen. 1919. Les soirees de Petrograd etc. Zwei Psalmen für Bariton und Orchester.

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