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Menorah · 1925-11-01 · Heft 11 (November 1925) · p. Seite 228

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
3 (1925)
Issue
Heft 11 (November 1925)
Article
Zur Geschichte der Gemeinde Schwersenz
Date
1925-11-01
Page
Seite 228 (sequence 2)
Language
German
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228 M E NORA hl MARKTPLATZ IN SCHWERSENZ kaum voneinander unterschied. Treffend bemerkt M. L a z;v r u s in seiner Schrilt: „Eine jüdische Gemeinde vor fünfzig Jahren", die sich auf seine Vaterstadt Filehne bezieht: „Das Zuständliche war fast aller Orten jener Gegend das gleiche. Waren doch der Kulturzustand und die Lebensverhältnisse überall dieselben, kaum in den größten Gemeinden von den kleinen verschieden. Überall gleich war die geistige Beschäftigung, die sittliche Lebensform, die religiöse Gesinnung und der Charakter des Gemüts, denn die Quellen, die engen und einseitigen, aber reichen und tiefen Quellen, aus denen es geschöpft "wurde, waren die gleichen." (M. Lazarus, „Treu und frei", Reden und Vorträge über Juden und Judentum. Leipzig 1887, Seite 281.) II. Am 11. Juni 1590 brach in der Stadt Posen, der Hauptstadt des damaligen Großpolen, eine verheerende Feuersbrunst aus, durch die das ganze Judenviertel mit allen seinen Gotteshäusern und Wohnhäusern, mit allem Hab und Gut, das es in sich barg, ein Raub der Flammen wurde. Mehrere synagogale Trauerlieder, welche Aufnahme in die Liturgie des neunten Ab fanden, geben Kunde von der Schwere der Heimsuchung, die durch jenen Brand über die Posener Gemeinde hereinbrach. In zweien dieser Trauergesänge wird Posen in freier Umdeulung des Wortklanges, den der in jüdischen Urkunden übliche Name im Hebräischen hat, Pos nooh (,tk; t^), das heißt „Güldenschön", genannt. (Zitiert bei Perles „Geschichte der Juden in Posen" in Frankels Monatsschrift 1864, Seite 363.) Diese dichterische Benennung1) spiegelt den Stolz und die Liebe wieder, welche die Herzen zu ihrer Vaterstadt erfüllte, und liefert ein Zeugnis, wie das Gemüt im Innersten mit der Heimat verbunden war. War doch Polen, insbesondere das Posener Land, seit langem, von der Zeit der Kreuzzüge an, zu einem Asyl für viele geworden, denen politische und wirtschaftliche Not, denen Unduldsamkeit und Verfolgung den Wanderstab in die Fland gedrückt halten. Scharen deutscher Einwanderer, Christen und Juden, waren von Deutschland in den damals dünn bevölkerten Osten gezogen. So waren um die Mitte des 1 3. Jahrhunderts Deutsche aus der Lausitz nach der Stadt Posen gekommen, der allen Residenzstadt der polnischen Herzoge und Könige, die auf dem östlichen Ufer der Warthe sich erhob, und hatten auf dem westlichen Ufer die deutsche Stadt Posen nach Magdeburger Recht gegründet. („Posen in Krieg und Frieden", von Arthur Kronthal. Aus dem „Ostland" XI, 7/8.) Wie für die Deutschen christlichen Bekenntnisses, so wurde Posen auch eine Zufluchtsstätte für die aus Deutschland und Österreich vertriebenen Juden, die dort, trotz zeitweiliger durch :) Sie findet sich auch an anderen Stellen, z. B. in der Vorrede der Respoiisensnmmlung Eben haschoham, deren Verfasser Eljakim Götz ben Meir um das Jahr 1680 in Schwersenz Rabbiner war. Der Herausjrebei dieses in Dyhernfurlh 1733 gedruckten Buches nennt in der Vorrede Posen in Anspielung auf einen Satz, des Hohenliedes „die heilige Stadt, die edle Krone Güldenschön". Fanatiker entfachter Ausbrüche der Volksleidenschaften, Schutz und Frieden genossen. Die Lage der Juden Polens im 16. Jahrhundert wird durch einen Satz des R. Moses Isseries gekennzeichnet, der aus Krakau in einem Briefe an einen aus Deutschland zurückgekehrten Rabbiner schreibt: „Die Kunde, daß Du in Wohlergehen und Frieden heimgekehrt bist, hat mich erfreut, obwohl ich es für besser gehalten hätte, daß Du in Deutschland geblieben wärest und dort ein Amt als Rabbiner und Lehrer angenommen hättest. Aber vielleicht ist es richtiger, bei trockenem Brot in Ruhe in unserm Lande zu leben, wo der Haß gegen uns nicht so stark ist wie in Deutschland. Gebe Gott, daß es bis zur Ankunft des Messias so bleibe!" J Es war jedoch nicht die äußere Lage der Juden, welche den Verfasser jener synagogalen Klagelieder veranlaßte, der Gemeinde Posen die schmückende Bezeichnung „Güldenschön" zu verleihen. Waren doch gerade in der Stadt Posen die Juden vielfachen Quälereien ausgesetzt, und war doch der dortige Magistrat in scheeler Engherzigkeit und Unduldsamkeit bestrebt, die den Juden von den polnischen Königen verliehenen Privilegien nach Möglichkeit zu schmälern und den ohnehin schweren Druck des Daseinskampfes, der auf der Judenschaft lastete, durch allerlei Willkürakte zu steigern. Viel mehr war es die charakteristische Eigenart des geistigreligiösen Lebens, wie sie in solcher Kraft und Tiefe nur an wenigen Orten sich kundtat, welche die jüdischen Herzen an das heimatliche Ghetto fesselte und mit stolzer Liebe erfüllte. Polen war, wie G r ä t z in seiner „Geschichte der Juden" (IX, Seite 63) im einzelnen darlegt, die Hauptheimat des jüdischen Schrifttums, der rabbinischen Wissenschaft geworden. Es waren aus Deutschland zahlreiche Talmudkundige in Polen, insbesondere auch in das Pcsener Land eingewandert und hatten dort dem Talmudstudium eine heimatliche Stätte bereitet. Von der Rhein- und Maingegend, von Bayern, Schwaben, Böhmen und Österreich strömten Scharen jüdischer Ansiedler dorthin. Hab und Gut hatten sie eingebüßt, aber das kostbarste war ihnen geblieben, die Thorah, die ihnen teurer war als ihr Leben und die sie mit ihrem Herzblut verteidigten. Das von den Vätern überkommene Gesetz wurde mit inbrünstiger Liebe von ihnen umfaßt, erforscht, zum Zentrum ihres Fühlens und Empfindens, zur Kraftquelle ihrer Seele gestaltet. Die Erforschung des rabbinischen Schrifttums wurde das Element ihres Lebens. Die ehedem hochberühmte deutsche Talmudschule, der durch blutige Verfolgungen und Bedrückungen jede Entfaltung unmöglich gemacht wurde, wandelte sich in die Eigenart der polnischen Schule. (Grätz a. a. O., IX, Seite 443.) Ihr charakteristisches Merkmal war neben einer erstaunlichen, durch eine unüberbietbare Intensität errungenen Stoffbeherrschung der tiefeindringende Scharfsinn, der die schwierigsten Probleme meisterte. Es war geradezu bewunderungswürdig, wie durch die hingehendste Begeisterung der Buchstabe sich belebte, wie die scheinbar trockenste Materie durch eine überströmende Kraft tiefschürfenden Denkens zu einem Gedankenbau sich formte, an dem die Geistesschärfe in einer überraschenden Art sich betätigte und erprobte. Es erblühten Hochschulen, denen alles zuströmte, so daß es nur wenige Juden gab, die des Talmuds nicht kundig waren. Insbesondere war es die Jugend, welche die Lehrhäuser bevölkerte und sich ausschließlich der Talmudforschung widmete und widmen konnte, da durch die Gemeinde und durch begüterte Privatleute für ihren Lebensunterhalt gesorgt wurde, jede Stadt war ein Mittelpunkt talmudischen Geisteslebens. Zumal Posen wurde eine Flochburg weithin berühmter rabbinischer Autoritäten. Bei solcher Lage der Dinge war es kein Wunder, daß Posen als ns; i£ als „Güldenschön" von synagogalen Dichtern gerühmt wurde, als im Jahre 1590 das Judenviertel durch den furchtbaren Brand eingeäschert wurde und seine Bewohner die Stadt verließen, um in der Umgegend ein Unterkommen zu suchen. Eine Folge dieses großen Brandes war die Entstehung der Gemeinde Schwersenz. Sie erwuchs aus einer Ansiedlung Posener Juden, die durch die Feuersbrunst obdachlos geworden waren und die, durch Zuzug verstärkt, einige Jahrzehnte später die Stadt Schwersenz gründeten.

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