Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 3 (1925)
- Issue
- Heft 11 (November 1925)
- Article
- Zur Geschichte der Gemeinde Schwersenz
- Date
- 1925-11-01
- Page
- Seite 227 (sequence 1)
- Language
- German
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MEN O RAH Illv^trierte Monatjxchrift FVr Die Jvdis-che Familie WTEM'— FRANKFVRT A M. III. JAHRGANG NOVEMBER 1925 NR. 11 ZUR GESCHICHTE DER GEMEINDE SCHWERSENZ VON RABBINER SAUL KAATZ Einleitung In der früheren preußischen, durch den unglücklichen Ausgang des Weltkrieges an Polen gefallenen Provinz Posen liegt, elf Kilometer östlich von deren Hauptstadt entfernt und noch zu ihrem Festungsbereich gehörend, an der Bahnstrecke Posen—- Wreschen, in einer fruchtbaren Ebene, von Feldern, Wiesen und Wäldern umgeben und an der nordwestlichen Seite von einem idyllischen See umrahmt, das Städtchen Schwersenz, das heute etwa dreitausend Einwohner zählt. Dem Reisenden, der von der Bahnstation seine Schritte zum Städtchen lenkt, fällt am Wege bald der große jüdische Friedhof ins Auge, der, in einem langgestreckten unregelmäßigen Viereck angelegt, mit seiner Urnwehrung den Unebenheiten des Geländes folgt. Er umfaßt ein Areal von sechs Morgen und erhebt sich an der nach Posen führenden Chaussee auf einem sanft geneigten Hang, in dessen Grund ein schmales Wiesenbächlein plätschernd zu Tale rinnt. Daß man für den Totenacker eine Anhöhe wählte, entsprach einer im Osten herrschenden Sitte. Wie der jüdische, so ist auch der evangelische und der katholische Begräbnisplatz des Städtchens auf einem Hügel angelegt. Man bettete, wo die örtliche Lage es zuließ, die Toten mit Vorliebe auf Hügeln und Hängen, auf denen der Boden trocken ist. Auch wirtschaftliche Gründe dürften hiebei maßgebend gewesen sein, da der Erwerb von hügeligem Gelände wohlfeiler war. (Jüdische Grabmalkunst in Osteuropa von Rabbiner Dr. Arthur Levy in Wohlgemuths Jeschurun X, Seite 318.) In meiner Jugend führte eine schon damals morsche Holzbrücke über das schmale Tal zu einem Pförtchen, durch das man auf den alten, vor drei Jahrhunderten seiner Bestimmung übergebenen Teil des Totenackers kam, wo die zu Staub zerfallenen irdischen Reste längst Vergessener des Tages der Auferstehung harren, wo zahlreiche graue moosbedeckte Feldsteine mit verwitterten und verwischten Inschriften den Boden bedecken, zum großen Teil im lockeren Erdreich versunken, vom Gras überwuchert, wo die Stätte vom Wechsel und Wandel alles Irdischen so eindringlich spricht, wo aber heute, wie vor Jahrhunderten, zur Sommerzeit die Bienen summen, die Falter schwirren, die Vögel zwitschern und der Blick hinüberschweift über das weite Land, über die spiegelnde Fläche des Sees, der unten im Sonnenschein glitzert, über die grüne Insel, die er trägt, über die an seinen Ufern ansteigenden Triften bis zu dem dunklen Kranz der Wälder, die den Horizont umsäumen. Jene Holzbrücke ist seit langem abgebrochen, das Pförtlein zugemauert, und industrielle Bauten erheben sich in der Nähe. Man betritt den Friedhof von der Chaussee aus durch ein stattliches schmiedeeisernes Portal, an dem eine Marmortafel den Namen seiner Stifter trägt (Familie Salomon Herzog). Wenn man es durchschreitet, gelangt man auf den neueren Teil des Friedhofes mit seinen weißen Grabsteinen und den vergoldeten Inschriften, wo Hügel an Hügel sich reiht, vielfach gitterumfriedel. SYNAGOGE IN SCHWERSENZ Der Fremde, der diese weite Gräberstätte erblickt, die vor dem Weichbild des Städtchens sich ausdehnt, wird wohl leicht den Schluß ziehen, daß Schwersenz eine große jüdische Gemeinde aufweise, und er wird in dieser Meinung bestärkt werden, wenn er im Städtchen selbst der stattlichen Synagoge ansichtig wird, die auf einem freien Platz sich erhebt. Dem ist allerdings nicht so. Aber Friedhof und Synagoge sind ebenso wie die an das Gottesihaus grenzenden Gemeindebaulichkeiten, das Bethamidrasch, das Rabbiner- und das Schulhaus, Zeugen dessen, was einstmals war. Der auf einen verhältnismäßig kurzen Zeitraum sich zusammendrängende Wandel der Kulturverkältnisse hatte einen schnellen Abbröckelungs- und Auflösungsprozeß der Gemeinde zur Folge. Durch die politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen und L'mwälzungen ist sie auf einige wenige Seelen zusammengeschmolzen. Die Steine und die Stätten künden von einer entschwundenen Zeit, da ein intensives und reiches jüdisches Leben dort herrschte. Ob jenes stille Leben in all seiner Enge und Mühseligkeit ein großes Leben genannt werden kann, das hängt, von dem Gesichtspunkt ab, unter dem man es betrachtet. Es war bei aller Gebundenheit erfüllt von einer hohe« Geistigkeit, erleuchtet und erwärmt von dem Licht religiöser Innigkeit, welche die Seelen erfüllte und über die Armseligkeit des äußeren Daseins erhob. Es war befruchtet und bereichert durch die Pflege altjüdischer Wissenschaft, der im Lehrhause eine Stätte bereitet war. Es bedarf keiner Piervorhebung, daß in den äußeren Geschehnissen, in den Namen und in den Daten, die vom Chronisten aufgeführt werden, das Leben nicht aufgeht, welches dort seine charakteristische und zugleich typische Ausprägung fand, charakteristisch durch die besondere Eigenart, die es hatte, und typisch durch die Gleichförmigkeit, welche in jener Gegend sämtliche Gemeinden aufwiesen, deren äußeres und inneres Bild sich