Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 3 (1925)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1925)
- Article
- Der Mörder
- Date
- 1925-10-01
- Page
- Seite 219 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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M E N O R A H 219 Lebens, das ärmer war, als das des letzten Hanials unten im Hafen . . . Ich sollte mich aufopfern, für ein Kistchen mit Bombenzündem. Nein, und nochmals: nein! sagte ich mir. Ich gab mir einen Ruck, täuschte Erwachen vor und bot dem Spitzel, der einstweilen ganz leise und vorsichtig unter dem Sitz mit den Füßen die Kiste an sich herangezogen hatte, als Einleitung eines Gespräches eine Zigarette an. Bald unterhielten wir uns, einer den Andern lauernd umschleichend und. nach zwei Stunden war ich frei. Ich hatte ihm verraten, daß die Genossen mich in Petrograd erwarten würden, hatte ihm ihr Aussehen und die Erkennungszeichen genau beschrieben, hatte ihm alles verraten, um den Preis meiner Freiheit. Wohl versuchte ich zuerst, ihm falsche Angaben zu machen, aber er, Mitglied der petrograder politischen Polizei, überführte mich im Augenblick jeder Unwahrheit, so daß ich bald jeden Täuschungsversuch aufgeben mußte. In der nächsten Station ging er telegraphieren, während ich mich in den Zug nach Warschau, der gerade in der Station hielt, setzte. Nadja erfuhr bald von meiner Rückkehr, wie sehr ich mich auch bemühte, mich vor ihr zu verbergen. Ruhig und kalt setzte ich ihr mein Vorgehen und meine Gründe auseinander. Sie hörte mir ebenso ruhig zu, dann stand sie auf und schlug mir die Faust ins Gesicht. Da stieg Blut mir in den Kopf, meine Überlegung verließ mich und ich sagte mit heißer Stimme ihr alles ins Gesicht, was ihr weh tun mußte: daß ich sie damals verraten hatte, daß ich keinen Funken Liebe für sie empfinde, daß sie mir nicht mehr wert sei als irgend ein Genosse, dessen Hilfe ich zum Erreichen meines Zieles benötige. Sie erwiderte kein Wort. Lange, ich weiß nicht wie lange, stand sie da, dann fiel sie wortlos hin und blieb bewußtlos, von nervösen Zuckungen geschüttelt, liegen. Mein Herz war leer. Ich hatte wieder erkannt, daß nichts in der Welt für mich Bedeutung haben dürfe und mit der ganzen heißen Gewalt hatte mich wieder das Bewußtsein ergriffen, in der Nähe des gehaßter. Mannes zu sein. Ich ließ Nadja liegen, wie sie lag. Keiner meiner Gedanken war bei ihr. Der Zufall wollte es, daß ich Peter auf der Stiege traf. Er war erstaunt, mich schon wieder in Warschau zu sehen. Ich brach das Gespräch schnell ab und sagte ihm, daß ich das Kistchen schon auf der Strecke übergeben konnte und wies ihn an Nadia. Ich hätte dringend zu tun, sagte ich, und rannte schnell die Treppe hinunter. Er blickte mir verwundert nach. Ich ging geradewegs zum Generalkommando, wo ich einen Unteroffizier kannte. Ihn bat ich, meine Aufnahme als Freiwilliger zum 1 1 2. Infanterieregiment durchzusetzen. Ich wußte, daß Popow Kommandant dieses Regiments geworden war. Es gelang mir auch, in dieses Regiment aufgenommen zu werden. Unter unsäglichen Beschwerden und Qualen wurde ich abgerichtet, Tag und Nacht ängstlich bestrebt, das Zeichen auf meiner Brust zu verbergen. Ich trug zu dieser Zeit stets ein Messer bei mir und war stets bereit, es zu gebrauchen, wenn die Notwendigkeit sich ergeben sollte, mein Leben verteidigen zu müssen. Nach einem Monat wurden wir an die Front gebracht. Eine starke Sicherheit hatte mich erfaßt. Die Hoffnung, nun endlich die Möglichkeit zu finden, nach der ich ein Leben lang gesucht hatte, war so stark in mir, daß ich nicht einen Augenblick lang daran dachte, selbst einer Kugel zum Opfer fallen zu können. Singend, zum erstenmal singend, zog ich zum Bahnhof und sang die ganze Fahrt lang, so daß es den Unteroffizieren auffiel und sie lachend zueinander sagten: ,Seht den singenden Juden an! Er freut sich auf den Krieg!' Halten sie gewußt, warum ich sang, dann hätten sie anders gesprochen. Für mich gab es keinen Gedanken, der nicht mit meiner Tat zusammenhing. Nadja lag hinter mir, erleichtert atmete ich auf, wenn ich daran dachte: nie fragte ich mich, was wohl mit ihr geschehen sein möge. Sicherlich hatte sie Peter alles erzählt, sicherlich hatte mich die Organisation zum Tode verurteilt und der Revolverschuß, der eines Abends hinter dem Exerzierplatz knapp an meinem Schädel vorbeigegangen war, war sicherlich ein Zeichen meiner Richter, Zeichen einer Gefahr, mit der ich zu rechnen hatte, wie mit allen andern Hindernissen auf meinem Weg zur Vollendung. Ich lächelte, als ich an diese neue Gefahr dachte, denn ich wußte mich meiner Sache sicher, wußte, daß die allernächste Zeit mich zum Ziele bringen würde. Und dann . . . ja, was dann? Lähmendes Entsetzen erfaßte mich kalt, als ich zum erstenmal diese Frage nach der Zukunft, die hinter der Tat stehen würde, an mich stellte. Was dann? Ich sah mich plötzlich über einer uferlosen unbarmherzigen Tiefe, über einem wilden hoffnungslosem Meer, ohne Halt, ohne einen Fußbreit festen Landes. Da erkannte ich miteinem, daß hinter dem Ziele die grenzenlose Leere sich aufbaue, das seelenlose unbegrenzte Nichts ziellosen Versinkens. Entsetzt blickte ich in die Nacht, die den Waggon umgab und jeder Ruck des Zuges rief mir zu: Und dann? Und dann? Allen Haß aus meiner Brust sah ich aufgebaut zu einem Turm und mich sah ich auf seiner Spitze und dann sah ich mich hinunterstürzen, hinabsausen in die haltlose Tiefe. Wieder sah ich die Bilder meiner Jugend, wieder hörte ich des Vaters Wort und fühlte die Hand der Mutter auf meinem Kopf, wieder sah ich die Bilder des Mordes und das rote Blut auf der Diele des Zimmers, gestockt zwischen den Leichen der Geschändeten, und den tierischen Blick des Mörders ... da waren alle Reflexionen verschwunden, versunken die uferlose Tiefe und nur der Turm der Rache stand und ich stand auf ihm, aufschreiend im Glücke des Erreichens . . . Mein Schrei hatte die Soldaten um mich geweckt. Sie schlugen schlaftrunken nach mir. Ich aber lachte und tastete nach meinem Messer, das im Stiefel steckte mit stets mahnendem Druck. Drei Tage lagen wir an der Front; ich hatte es zuwege gebracht, der Stabskompagnie zugeteilt zu werden, da kam der Befehl zum Sturm. Ich entblößte mein Messer, steckte es offen in den Patronengürtel und faßte mein Gewehr, heiß wie eine Geliebte. Aber wir gingen zum Sturm ohne den Kommandanten, wie eine Herde Schlachtvieh gingen wir zum Tod, weit hinten im sicheren Versteck Der, um dessentwillen ich hier mitging, zum irrsinnigen Spiel auf Leben und Tod. Da ergriff mich tierische Wut. Ich warf mich zu Boden und wollte nicht vor. Ich sah mich sinnlos, zwecklos sterben, tot werden, von jeder Handlung für immer ausgeschlossen, ehe ich mein Leben erfüllt hatte. Da traf mich ein Schlag in den Arm. Blut sprang mir ins Gesicht und Schleier senkten sich über mich. Ich sank tiefer, immer tiefer in unendliche Finsternis. Unklar trat mählich der Gedanke in mein Bewußtsein, daß ich verwundet sei, dem Tode vielleicht nahe, daß ich rufen müsse, den Kommandanten rufen müsse, der nun am Leben bleibe, gewonnenen Spieles den Rächer zu begraben, aber die Macht über meine Zunge war mir genommen. Ich erwachte später in einer Scheune, einem Feldspital hinter der Front. Auf einem Haufen Stroh, in gestocktem Blut lag ich und mein Arm, den ich nicht bewegen konnte, lag wie ein Ermordeter neben mir, unzählige Fliegen auf seiner breiten Wunde. Schwach rief ich nach einem Arzt, doch mein Ruf verglomm im ungeheuren Wehklagen der Zerrissenen, Sterbenden, sich ans Leben Klammernden um mich. Mit Aufbietung aller meiner Kräfte verband ich meine Wunde mit einem Fetzen. Am nächsten Morgen wurden wir auf Wagen geworfen. Lebende, Sterbende, Kranke und Verwundete übereinander, wie Baumstämme. Wir fuhren durch ödes Land, wechselten den Wagen mit einem Eisenbahnwaggon und kamen nach einer Zeit in einer Stadt an. Ein Hospital nahm uns auf. Ein junger Arzt, ich erinnere mich deutlich seines Gesichtes, ein hagerer junger Arzt mit stechendem Blick riß meinen Verband auf und schrieb dann auf meine Kopftafel: Operation. Operation. Dieses Wort prägte sich in meinen Schädel ein und seine Buchstaben wurden zu einer Reihe phantastischer Bilder, die wie eine Straße in die Unendlichkeit sich aneinanderreihten. Ungeheuer groß stand der erste Buchstabe vor mir, groß wie ein Dom, nein, wie ein Gefängnis; um ein geringes kleiner der nächste, und so ging es weiter bis zum letzten, der in verschwindender Ferne ein einsamer Punkt war, wohin die Bewegung des Bildes strebte. Operation! wiederholte ich mechanisch und konnte lange nicht den Sinn des Wortes erfassen. Ich lag in einem kleinen Zimmer, vor dessen Fenster sich eine Weißbirke im Winde bog. Unaufhörlich wankte ihr Stamm und ächzend schlugen ihre Zweige an die Scheiben des Fensters. (Fortsetzung und Schluß folgt'