Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 3 (1925)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1925)
- Article
- Der Mörder
- Date
- 1925-10-01
- Page
- Seite 218 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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218 MENORAH Tage vergessen, daß im Futter meines Rockes einige Leinwandfetzen eingenäht waren, die wichtige Mitteilungen enthielten. Auf dem Polizeiquartier hatte man diese hochverräterischen Leinwandfetzen bald entdeckt und als der Polizeikommissär sie mir mit einem höhnischen Lächein vor die Augen hielt, dämmerte mir es mählich auf, welches erbärmliche Mißgeschick mich knapp vor dem Ziele erreicht hatte. Sinnloser Zorn ergriff mich, ich schlug mit beiden Händen nach dem Polizeioffizier und versuchte mit einem Sprung die Tür zu erreichen. Die Polizisten aber schienen darauf gewartet zu haben. Im nächsten Augenblick lag ich, mit Handschellen gefesselt, auf der Pritsche und der Spitzel, der mich verhaftet hatte, schlug mit einem Riemen auf mich ein. Ich brüllte wie ein Tier auf, denn ich war zu schwach, der neuerlichen Enttäuschung standzuhalten. Aus unbekannten Gründen wurde ich nach Kiew zurückgebracht und in der Peresilnaja Tiurma eingesperrt. Tagelang ging ich, von Krämpfen der Wut geschüttelt, in der feuchten Zelle auf und ab, verdammte mein Mißgeschick und schrie Abende lang in die untergehende Sonne, deren karger Rotstrahl um diese Zeit auf der Decke meiner Zelle tanzte. Am vierten Tag fand ich in einem Stück Brot ein Papier. „Wir sind an der Arbeit! N." las ich. Neue Hoffnung erweckte mich. Ich hoffte auf Befreiung, hoffte, daß Popow Warschau noch nicht verlassen hätte. Allen Gefahren des Erkanntwerdens zu trotz werde ich wieder nach Warschau gehen, sprach ich zu mir, ich werde mich in das Hauptquartier einschleichen . . . unter irgend einer Maske . . . und ich werde ihn treffen . . . werde ihn treffen . . . nein, ich will um ihn sein, tagelang will ich ihn beobachten . . alle seine Bewegungen . . . alle seine Eigenheiten will ich mir einprägen . . . alles was er liebt. . . und dann erst will ich ihm die blutigen Hände abhacken und den teuflischen Schädel und das erbarmungslose Herz zermalmen. Das will ich! So dachte ich bei mir und ging unermüdlich auf und ab, auf die Zeichen der nahen Befreiung wartend. Statt der Befreier kam am Mittag des neunten Tages, da ich schon schwach, die schweren Ketten kaum schleppen konnte, zwei Soldaten, die mich zum Untersuchungsrichter führten. ,Was machst du in Rußland?' fuhr er mich an. ,Nichts, mein Väterchen,' erwiderte ich sanft, ,nur Maschinen will ich verkaufen, wie mich mein Haus in Paris beauftragt hat-' ,Du lügst', schrie er und hob ein Stück Papier an seine kurzsichtigen Buldoggenaugen. ,Du lügst, die pariser Polizei sagt, daß du Mitglied eines illegalen Vereines bist.' Ich antwortete nicht, denn ich wußte, daß Nadja und die Kiewer Genossen an der Arbeit waren. Nun aber geschah etwas, mit dem ich nicht gerechnet hatte und das mir späterhin noch Unannehmlichkeiten bereitete. Kurze Zeit vorher war von der Zentralregierung die Verfügung erlassen worden, daß jeder politische Verbrecher mit einem Brandmal auf der Brust zu zeichnen sei, an dem er stets wieder erkannt werden könnte. Meine Haft fiel in die Zeit dieser Verfügungi die übrigens bald nachher wieder aufgehoben wurde. So wurde mir auf die Brust das Zeichen des politischen Verbrechers n. K. eingebrannt. Der Angeklagte unterbrach sich mit einer müden Handbewegung. ,,In der folgenden Nacht," fuhr er nach kurzer Pause fort, ruhig, als diktierte er ins Protokoll. ,,in der nächsten Nacht wurde ich befreit. Wir fuhren sofort nach Warschau und Nadia führte mich in ein Zimmer in der Vorstadt Praga. Sie erzählte mir, daß sie mit dem Offizier bekanntgeworden sei und zeigte mir Papiere, die auf den Namen einer Gräfin Ladowska lauteten. ,Gute Papiere!' sagte sie und drückte sie an ihr Herz. .Ausgezeichnete Papiere!' Sie sorgte wie eine Mutter, wie eine zärtliche Geliebte um mich, brachte mir Leckerbissen, damit ich mich von den Entbehrungen der Gefangenschaft erhole. Mich bedrückte es bald, untätig in der Wohnung zu sitzen. Pläne stiegen mir auf, die ich bald verwarf, um neuen nachzugehen, bis Nadja eines Tages einen mir unbekannten Genossen mitbrachte. Dieser, ein großer energischer Mensch, der schon in Sibirien gewesen war, hatte es verstanden, sich einen Schreiberposten im Gouvernement zu verschaffen und war dadurch eine der wichtigsten und einflußreichsten Personen in der warschauer Gruppe geworden. Sie nannte ihn kurz Peter und sagte, daß seine Freundschaft mir von großem Nutzen sein könnte. Peter war über meine Geschichte informiert und war bereit, die Gruppe zu veranlassen, mich zu unterstützen, wenn ich einen Auftrag übernehmen würde, zu dessen Ausführung augenblicklich niemand frei war. Es handelte sich darum, ein kleines Kistchen mit Bombenzündern nach Petrograd zu bringen, auf die man dort warte. Ich sagte zu und erhielt von Peter das Versprechen der Hilfe bei meinem Privatunternehmen. Wir kamen überein, daß ich noch am Abend abreisen sollte, während Peters Leute gemeinsam mit Nadja den Offizier überwachen würden. Nach meiner Rückkehr würde sich dann sicher bald Gelegenheit bieten, ans Werk zu gehen. Ich fuhr verkleidet als verwundeter Offizier nach Petrograd. Eine Stunde lang las ich die Zeitung, dann versuchte ich zu schlafen, doch bald empfand ich ein Gefühl, als würde ich von einem gegenübersitzenden Manne beobachtet werden. Mit halbgeschlossenen Augen, denen keine Bewegung des Beobachters entging, überlegte ich meine Situation. War der Mann ein Spitzel der Ochrana, dann war es um mich geschehen, denn in jedem Wagen fuhren zwei oder drei Geheimpolizisten. Würde ich auch unbemerkt den Ausgang erreichen und würde mir auch der Sprung aus dem fahrenden Zug gelingen, dann würde der Train zum Halten gebracht werden und die Meute der Polizisten würde mich in der völlig deckungslosen Ebene wie einen Hund niederschießen. Der Beobachter war aufgestanden und hatte sich wie zufällig auf den freien Platz an meiner rechten Seite hingesetzt. Ich bewegte mich nicht und verharrte ruhig, wie ein zum Sprung ansetzender Panther. Jeder Muskel war gespannt; ich wollte mein Leben so teuer wie möglich verkaufen, sagte ich mir, in diesem Augenblick voll und ganz in das Abenteuer eingefangen. Da fuhr es mir aber plötzlich durch den Kopf, daß der Kampf aussichtslos wäre und ich sah wieder das Gefängnis vor mir, wieder die Unmöglichkeit, zu meinem Ziele zu gelangen. Was geht mich eigentlich dieses Kistchen an, haderte ich mit mir, was gehen mich eigentlich die Ziele dieser Menschen an, um derentwillen ich mich in die Gefahr des Todes begebe, immer von neuem begebe, wiewohl ich mit ihnen doch gar nichts gemein habe, wiewohl ihre Ziele doch gar nicht die meinen sind und nicht die des Volkes, dem ich angehöre. In diesem Augenblick, da die Gefahr knapp neben mir saß, erkannte ich plötzlich, daß mein revolutionäres Gefühl eigentlich Ausdruck einer höchst persönlichen Angelegenheit war, ein in Wirklichkeit höchst asoziales Gefühl, nur ein Betäubungsmittel, um die Zeit der Tatenlosigkeit zu überwinden, nichts weiter als Lüge, eine große Lüge und ein Verrat auf Zeit. Da mir dies klar wurde, faßte ich augenblicklich den Entschluß, alles zu versuchen, mich der Gefahr zu entziehen, um jeden Preis mich zu sichern, denn vor mir stand wieder das alte Bild, das mein Leben ganz eindeutig bestimmt hatte. Ich fühlte immer mehr, daß ich nicht zum Helden um anderer Leute, meinetwegen einer ganzen Menschheit Angelegenheiten geboren war, daß meine Angelegenheit mir näher stand als die Sehnsucht Anderer. Meine Herren Riehl er, sie werden mich, wenn sie auch wahrlich mit den Zielen irgend welcher Revolutionäre der Welt sich nicht identisch erklären werden, einen Verräter, einen elenden Egoisten nennen, in dem kein Funken von allmenschlicher Aufopferungsfähigkeit ist. Sie mögen Recht haben; es liegt mir nichts daran, ihnen von mir ein Bild zu zeichnen, das ihr Endurteil zu meinen Gunsten beeinflussen könnte. Ich bin schonungslos mit mir, seien auch sie es. Nein, meine ehrenwerten Herren, ich will nicht besser sein als ich bin: die Gesetze einer für glückliche Menschen erfundenen Moral sind nicht die meinen. Edelmut, edler Mut hatte in meinern Leben keinen Platz. Wohl hätte ich vergeben, lieben, mich aufopfern können, für was immer, aber nur aus Interesselosigkeit, aus Gleichgültigkeit, in jenen Zeiten, da mein Haß mich nicht vollends erfüllte. Stand er aber in mir auf, wie ein heißes Tier, dann, meine Herren, dann kannte ich keine Liebe, kein Vergeben, kein Aufopfern, es sei denn, um zu meinem Ziel zu gelangen. Das ist das Geheimnis meines Lebens, das Geheimnis eines