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Menorah · 1925-10-01 · Heft 10 (Oktober 1925) · p. Seite 214

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
3 (1925)
Issue
Heft 10 (Oktober 1925)
Article
Der Traumsiedler
Date
1925-10-01
Page
Seite 214 (sequence 3)
Language
German
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214 MENORAH LUDWIG BLUM (Jerusalem) DAS DAMASKUSTOR IN JERUSALEM — Die haben keine Perle gesät, antworte ich finster. Nichts weiter sage ich. Ich bin Beracha böse, daß sie das nicht versteht. Sie sollte es verstehen. Sie pflegte auch sonst unbegreiflich zu sein. So oft sie Mutterfreuden entgegensah, mußte ich sie fortwährend beruhigen: „Mut, es wird kein Krüppel!" Und wie oft habe ich sie dabei ertappt, daß sie vor dem Bett saß und lauschte, ob die Kinder wirklich Atem haben. — Du, ich fürchte mich so, daß das Kind stumm wird. Gott sei Dank, wir haben kein stummes Kind, alle schwatzen mehr als genug. Aber die Erde! Da ist die Gefahr größer. Läuft uns wohl nicht davon, ob aber Korn auf ihr wachsen wird? Der Himmel ist so trostlos heiter. Wo ist die geringste schwarze Hoffnung in einem Wolkenflor? Nirgends. Wie leblos grün die Gerste und der Reis in der Sonne dahindörren! Beim Menschen sorgt die Regel des Blutes fürs Leben. Aber hier? Wo sind die Säfte, die meiner Saat zum Leben helfen? Wo pocht das Herz, wo zirkuliert das Blut der Gewässer? Die Pfähle könnte ich auch auf dem „Mohnkuchen" zurechtschneiden! Ja, aber könnte ich dort auch meinen Acker überwachen? Denn: Des Herrn Auge macht das Korn wachsen. Ich hätte zwar Lust hinauszugehen, um das schöne Kalb zu sehen, obwohl ich sicher bin, daS es ein schönes Zuchttier sein wird; noch mehr aber um der plump gewordenen Ziegen willen. Wie ernst sie geworden sind! Sie hüpfen nicht mehr mit den Kindern um die Wette, wie einst im sonnigen Spätwinter. Schaukelnd schreiten sie im welligen Gras und auf den weißverschlungenen Wegen des „Mohnkuchens". Ihre Euter sind schwer, aber noch schwerer das Geheimnis, das sie über der Euter tragen. Ich müßte mir auch das berühmte Flachhorn anschauen. Es soll ein wahrer Schatz sein. Meine Frau berichtet, es sei groß wie ein Kalb und habe lauter Seide (das Flachhorn habe ja weder Wolle, noch Haare, sondern Seide am Rücken). — Du wirst sehen, Jischaj, die plumpe Ziege wird flachhörnige Zicklein bekommen. — Flachhörnige Zicklein? Ich schüttle den Kopf. Das isl doch nicht möglich! Und ich kann kaum erwarten, bis sie reckt behält. In mir dämmert die Legende auf, lang, lang ist es her, hier auf meiner Traumsiedlung oder auf der des Nachbars, vielleicht gerade unten am „Mohnkuchen" neben dem sich schlängelnden Bach .. . „Jakob steckte gestreifte und getupfte Gerten ins Gras der Weide und die Schafe bekamen gestreifte und getüpfelte Lämmchen. Nein, ich kann doch nicht fort von meinem Acker. Dieser Abu Abdullah wird am Ende recht gehabt haben, man hätte Hirse säen sollen. Die Hirse ist bescheiden, nimmt mit magerer Erde vorlieb und von Feuchtigkeit braucht sie nur wenige Tropfen. Es ist sonderbar! Sooft ich mich ans Reissäen erinnere, sehe ich ihn leibhaftig vor mir. Sein Gesicht ist braun und sein weißer Zahn darinnen, wenn er grinst, ist wie mein dahingestellter Reis mitten unter den Furchen. Und wie er lachte! Wie ich den Reis säte, säte er den Zweifel. Ich die Perle in den Boden er die Qual in mich. Das wird so nicht gut sein. Nein, das wird es nicht sein. Wäre doch irgend ein erwachsener Nachbar draußen auf dem „Mohnkuchen"! Dann ginge ich auch hin und könnte es mit ihm besprechen. Er würde schon Rat wissen. Einer kommt zwar schon ab und zu, aber man soll nicht mit dem Zufall rechnen. Es sind aber fast immer lauter Kinder draußen. Die wissen nichts ... Es müßte doch ein Buch geben, das unterrichtet, erklärt und Auskunft darüber gibt, was man mit der trockenen und erschöpften Erde zu unternehmen habe. Ich benötige ein solches Buch. Vor einem Buch braucht man sich nicht zu schämen, man darf es nach allem fragen und es beantwortet ohne Hinterhalt alle Fragen. Wo aber nehme ich es her? Oh, warum habe ich daran nicht gedacht, bevor ich die Reise antrat! Ich hätte jetzt alles so gemacht, wie es sich gehört. Oder ich erführe die reine Wahrheit nachträglich, so durchraste ich das besäte Feld noch einmal mit Spaten und Rechen . . . Soll ich meinem grinsenden Araber Gehör schenken und Hirse statt Reis säen? Etwas böswillig ist dieser Abu Abdullah. Oder doch schadenfroh. Wie aber, wenn er mich wirklich nur lehren will, weil er es eben besser weiß? Nein, tausendmal nein! Ich kümmere mich nicht um ihn. Eher mag meine Mühe fruchtlos bleiben! Ich habe noch Kraft in meinen Armen und wenn die Axt stumpf wird, so gibt es noch Steine genug in der Erde, an denen ich sie wetzen kann. Wird die Ernte auch nicht reich sein, so wird sie uns für den Winter schon genügen. Und wenn wir soviel haben, dann sind wir zufrieden und preisen unsere Saat. Wie aber, wenn uns nicht einmal soviel beschieden sein sollte? Jetzt, jetzt verstehe ich Berachas Angst. Jetzt verstehe ich sie und Zeltchen und die ernsten Ziegen, die nicht mehr herumzuhüpfen wagen, bevor sie die Frucht gegeben haben. Indes sind das Dummheiten, Beracha hat keine Mißgeburt gehabt, die Erde wird auch keine haben. Ich habe wohl nie Pfähle für Zitronenbäume gespitzt, doch wie ich sie jetzt spitze, sind sie vollkommene Stützen der befruchteten Gerten. Auch Obstbäume habe ich nie gepflanzt und doch wurden diese fast alle befruchtet. Alles um mich herum scheint zu sagen: Fürchte nicht, Freund Jischaj, der Reis wird in Ordnung sein, die Gerste, die Kartoffel auch; du weißt nicht, wo das Herz ist, aber es gibt ein Herz, das deine Schößlinge mit Saften versorgt. Gibt es in der Tat solches? Ich traue mich fast nicht, daran zu glauben. Ich weiß auch nicht, wovor ich mich fürchte. Wenn ich arbeite, die Pfähle zurechtspitze, fühle ich es nicht; sobald ich aber das Beil fallen lasse und zur Erde schaue und von der Erde ins Weite, wird mir bange. Vorahnungen. Wolken. Wolken in der absoluten Wolkenlosigkeit. Ist mir der Himmel gram? Oder das träge Morgenland? Die Erde, weil ich mit der Axt über sie herfiel, da sie sich mir verschloß? Jemand zürnt. Von irgendwo naht Gefahr. Kein Regen wird kommen. Dürre wird herrschen. Die Hitze zehrt alles auf, was sich aus dem vergeudeten Samen hervorwagt. Die Erde ist schon gealtert. Eine Greisin. Weiß. Fieberig. Sie fröstelt in der Wärme. Ich sehe Abu Abdullah im wallenden Tuch und sein Lachen gellt mir im Ohr: — Perlen hast du gesät!? Hehehe! Das IV. KupiU'l: Dia Versammlung der Axle, folgt in der nächsten Nummer

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