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Menorah · 1925-10-01 · Heft 10 (Oktober 1925) · p. Seite 212

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
3 (1925)
Issue
Heft 10 (Oktober 1925)
Article
Der Traumsiedler
Date
1925-10-01
Page
Seite 212 (sequence 1)
Language
German
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212 MENORA H Roman von ILLES KACZER Aus dem Ungarischen von Andreas Gasper / Copyrighl 1925 by R. Löwit Verlag (Dr. Max Präger), Wien / Nachdruck verboten III. ABU ABDULLAH LACHT. Tel-Chalom, Schwangerschaft. Mitunter kehren kleine Einzelheiten aus meinem verflossenen L ehen zu mir zurück. Sie kommen, um vvehzutun. Etliche tun .so weh, daß es fast schon wohltut. Da sitze ich im schmalsn Laden. Uber mir eine verrußte Öllampe. Plötzlich denke ich im östlichen Wirrwarr der Spezereien, dies mein heutiges Leben zu sehen. Mich umgeben: Reis, Rohrzucker, Indigo, Zimmet, Ingwer, Malaga, Muskatnuß, Kaffee, Tee, Pfeffer, Safran, Datteln, getrocknete Feigen ... Ja, schon damals träumte ich mich hieher. Ach, der Reis, wie er unter dem tief ausgehöhlten Holzlöffel perlt! Ich gab auf jedes Körnchen acht, damit es nicht zu Boden fällt. Und siehe da, heute habe ich gleich einen Sackvoll in die Furchen geworfen. Es klammert sich schon an die Scholle. Und ich, ich bin der große Reisbauer. Wenn die Reissaat aufgeht, säe ich Safran, Indigo, Baumwolle und auf den feuchtdünstigen Feldern am Meer das schlanke Zuckerrohr. Ich muß lachen, wenn ich daran denke, daß im Abendland ein blasser Krämer mit eingesunkener Brust davon lebt, daß er feilscht und den Schatz sorgsam überwacht, den ich hier erzeuge. Das gebeugte, geldhungrige Männlein, hahaha! Wie drollig! Wie anders ist das Leben, das ich führe! Sein Leben ist eine gierige, keuchende Sehnsucht, mit Geld eine Mauer um sich zu bauen, weil ihn die Feinde jeden Augenblick überfallen können. Geld ist die Erde, auf der er steht, das Polster, auf das er seinen Kopf bettet, sein Vertrauter und seine Stütze, sein Fürsprecher und sein Balsam. Ich habe es nicht nötig. Was ich hier besitze ist kein Geld, kein Papier, kein Gold. Es ist das wahre Leben, das sich selbst fortsetzt unter der goldenen Sonne. Denn es ist die Fortsetzung der Schöpfung am siebenten Tage. Manchmal durchschauert mich ein seltsamer Gedanke: bin ich nicht jener Krämer, sitze ich nicht hinter dem Pult? Der Schlaf übermannte mich an einem Sommernachmittag und nun träume ich die Traumsiedlung. Nein, nein! Unmöglich! Hier das Reisfeld, dort das Haus. Rund um das Haus der Meierhof. Wie scharf der Hahn kräht! Wie frisch! Er bläst die Posaune des Frühlings. Die Mutterhenne gackert stolz und mit Angst. Und kleine Küchlein sind ihre ausgebreitete Schleppe. Und in der Pfütze um den Brunnen purzeln die kleinen Enten! Beracha schaut auf zum Himmel, ob nicht ein Habicht im unerforschlichen Blau lauert. Sie lispelt dem Küchlein zu und streut ihm Krümelchen hin. Und läuft zurück zu ihren Pflanzen. Sollte auch das nur ein Traum sein? Im Laden hinter den Spezereien? Nein! Ich bin hier, hier. Alles ist so klar und so lebensvoll. Um mich herum das große Tel-Chalom, östlich das Meer, nach Norden der „Mohnkuchen" und der Moor, jenseits der Berge das Land. Und wo die Sonne am Mittag steht, dort ist die Stadt, meine Stadt, die jetzt mit Säulen, Türmen, Stahlpalästen und Perlenpagoden uns wiedererbaut wird. Und wenn ich meine Ohren anstrenge, vernehme ich das schrille Geknatter des Zuges, der im Tal ostwärts dahinrast. Und da ist Abu Abdullah. Er kommt von Zeit zu Zeit zu mir, schaut meiner Arbeit zu, stolz und hochmütig lacht er, mit dem Übermut des Müssiggängers. Er unterschätzt, entmutigt, schwächt, entkräftet mich. Er ist wie Satan selbst, obwohl er kein böser Mensch ist. Ein Bruder. Jetzt weiß ich schon, weshalb er kommt. Um an meiner statt zu denken, um der verkörperte Zweifel zu sein. Und zugleich ist er mir so die lebendige Sicherheit, daß ich da bin. Wo nähme ich denn diesen braunen, schokoladeübertünchten, runzeligen Araber her, wenn ich noch immer hinter dem Pult der Spezereihandlung schlummerte? Ich habe ihn früher nie gekannt, plötzlich kam er aus dem Dorf herauf, mit der langen Flinte an der Schulter, er stieg von seinem weißen Esel ab und öffnete die scharfumfurchten Augen weit auf mich. — Abu Abdullah Dschafar lbn al Fazid ist mein Name, du pflügst auf meinem Grund, Jude. Nur immer zu, es wrird ja nichts daraus. Wenn du meinem Rat folgen willst, so wirf die Axt fort oder verkaufe sie nebst den anderen Werkzeugen einem anderen Narr. Mit dem Geld kaufst du dir ein Zuchtmaultier und verkaufst sein Junges so teuer als möglich in Aden. Ich schüttelte den Kopf und er fuhr fort: — Du bist starrköpfig, Bruder. Wenn du schon um jeden Preis säen wirst, so säe Hirse. Das erträgt diese sieche Erde und das empfängt sie und vergilt es. Aber Reis! Hehehe! Dann verhöhnte er mich, daß ich einen Ölbaum pflanzte. Daß wir die Sprößlinge der Obstbäume und vor dem Haus auf der Flur die Rebe der weißen Ziegentraube gesetzt haben.

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